Kultur : Gabe an die Götter

Lars Dittmer
Reinigend. Voodoo-Fest in den Aguas Blancas-Fällen auf Haiti. Foto: Fiorio/Agentur Focus
Reinigend. Voodoo-Fest in den Aguas Blancas-Fällen auf Haiti. Foto: Fiorio/Agentur Focus

Die Männer gehen mit langen Holzstöcken aufeinander los, splitterfasernackt, umringt von ihren Stämmen, die sie anfeuern. „Als die Stöcke durch die Luft sausten, hatte ich kurz Angst“, sagt die Turiner Fotografin Giorgia Fiorio. Die Kämpfe auf dem „Donga-Fest“ des äthiopischen Surma-Volkes sind eine Mischung aus Erntedank-Ritual und kampfsportlicher Männlichkeitsbezeugung. Zu Todesfällen kommt es bei dem Ritual üblicherweise nicht, aber das Blutvergießen der Krieger stellt eine Opfergabe dar.

Geben und Nehmen – das ist eine Konstante der menschlichen Spiritualität, wie Giorgia Fiorio in ihrer Fotoausstellung „Ritus – Die Gabe“ zeigt, die derzeit in der Galerie C/O Berlin zu sehen ist. Menschen bieten ihren Gottheiten etwas an, und erhoffen sich dafür etwas.

Ihre selbst finanzierten Reisen führten Giorgia Fiorio neun Jahre lang in 38 Länder, sie fotografierte Mönche in polnischen Klöstern, rotierende Derwische in der Türkei, Voodoo-Zeremonien in Haiti, Tempelanlagen in Südostasien. „Überall dreht es sich um Geburt, Fruchtbarkeit, das Leben, das Sterben“, sagt die 42-Jährige. Ihre szenischen, großformatigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen aber nicht nur uralte Rituale, sondern auch Zeremonien, wie sie Buchreligionen wie Islam und Christentum vorsehen. Auf einem dramatischen Hochformat sieht man etwa die Passionsspiele auf den Philippinen. Ein Katholik lässt sich während der Karwoche kreuzigen. „Manche verlangen sogar danach, mit Nägeln befestigt zu werden“, sagt Fiorio. Die Gläubigen kasteien sich, um von ihren Sünden gereinigt zu werden.

Nicht alle Menschen, die auf den Fotos zu sehen sind, waren sofort damit einverstanden, während der religiösen Zeremonie fotografiert zu werden. „Oft erhielten wir nach Monaten der Reise zunächst einmal eine Abfuhr“, berichtet Fiorio. Doch mit viel Geduld überzeugte sie die Menschen. Auffällig ist die Abwesenheit von Frauen auf den Fotos. Lässt sich Fiorios Ausstellung also als Kritik an der Wiederkehr einer konservativen Religiosität lesen? Giorgia Fiorio verneint. „Meine Fotos haben keine politische Intention. Außerdem ist die Frau in den meisten Ritualen privilegiert. Schließlich ist sie es, die angebetet wird.“ Lars Dittmer

Auguststr. 5a, bis 2. 5., tgl. 11 - 20 Uhr.

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