Kultur : Gabriel Josipovicis aufregender Roman stenografiert geistreich das Alltagsleben

Thomas Schaefer

Alle reden durcheinander, aneinander vorbei, gegen einander an. Eine Kakophonie alltäglichen Geschwätzes, vorgetragen von Autisten, deren Unterhaltungen Selbstgespräche sind. Keiner hört zu, jeder ist dem eigenen Thema verhaftet: die Großmutter ihrer Kindheit, der schwarzhumorige Onkel Simon seinen Krankheiten, der Vater seiner Sorge um die phlegmatische Tochter, die unentwegt Tee anbietende Mutter ihrer gluckenhaften Familienfürsorge, der Sohn seinen Ehe- und Liebschaftsproblemen, die Tochter ihrer Depression. Gabriel Josipovicis aufregender Roman "Jetzt" stenografiert geistreich das Alltagsleben einer unspektakulären Durchschnittsfamilie. Aufregend ist er wegen seiner dokumentarisch wirkenden Banalität, vor allem aber wegen der originellen Methode, mit der Josipovici seinen "Ausschnitt aus dem reichgewirkten Teppich des Lebens" entwirft: Als hätte jemand mit dem Tonband O-Töne aufgezeichnet, besteht der Roman ausschließlich aus Gesprächen. Weil er dem allwissenden Erzähler misstraut, verzichtet der Autor auf Wertungen, schildernde und erläuternde Passagen. Diese "polyphone Minimalart" ist trotzdem von ihm als allmächtigem Dramaturgen kunstvoll arrangiert und mit einem Spannungsbogen versehen.

Die einfache englische Familie, die sich an den Wochenenden trifft, miteinander telefoniert, mit Freunden schwätzt, entfaltet mehr durch die Art als den Inhalt ihrer Gespräche ihr Soziogramm und die profane Tragik ihres Daseins. So leben und so reden wir: "Es ist nicht zu fassen, sagt Julie. - Was ist nicht zu fassen? - Was du eben gesagt hast. - Es ist nicht zu fassen? Was ich eben gesagt habe, ist nicht zu fassen? Und wieso nicht, wenn ich fragen darf? - Es ist einfach nicht zu fassen. Du müsstest dich mal hören. - Du müsstest dich mal hören. In welchem Ton du mit mir sprichst. - In welchem Ton? - Das weißt du ganz genau." Und so fort.

Hinter dem hilflosen, redundanten Geschnatter verbergen sich Ehekrisen, Zukunftsängste, vertanes Leben. Josipovici hält uns und unserem täglichen Wortschwall sein Mikrofon vor: "Alles läuft schief. Ein Gespräch kann noch so normal anfangen, irgendwann kommt immer der Punkt, an dem uns plötzlich alles komisch vorkommt, aber trotzdem reden wir dann weiter und tun auch noch so, als hätten wir nichts gemerkt." Worüber man nicht reden kann und will, darüber sollte man schweigen: "Ich will nicht mit ihm sprechen. - Warum denn nicht? - Ich mag ihn nicht. - Du magst ihn nicht? - Hab ich dir doch gesagt. Ich mag ihn nicht. - Was stört dich denn an ihm? - Nichts. - Warum willst du dann nicht mit ihm sprechen? - Weil ich ihn nicht mag. - Wieso? - Wieso was? - Wieso magst du ihn nicht? - Ich mag ihn einfach nicht. - Ich mag ihn, sagt Ella." Reden können die Figuren über ihre eigentlichen Nöte nicht, schweigen noch weniger. Das unentwegte Geplapper, mit dem Zeit und Leere vertrieben werden, ist mitunter hochkomisch, im Grunde aber tieftraurig, weil seine aus Hilflosigkeit oder Desinteresse gespeiste, bisweilen zynische Ignoranz alle Beteiligten furchtbar einsam macht. Zwischen den satirischen Alltagsbeobachtungen Loriots und Gerhard Polts auf der einen, der Melancholie der Figuren Tschechows oder Arthur Millers auf der anderen Seite changiert Josipovicis Protokoll, das mehr über die Rolle von Sprache und über die Tragikomödie unserer Existenz aussagt als manche (sprach)soziologische Untersuchung: "Er spricht nicht mehr mit mir, sagt sie. - Hat er denn je etwas Interessantes zu sagen gehabt? - Darum geht es nicht. Man redet nicht miteinander, um sich interessante Dinge zu erzählen. - Jaja, sagt ihre Schwester. - Verstehst du, was ich meine? - Jaja, sagt ihre Schwester. Jaja."

Der 1940 in Frankreich als Sohn ägyptischer Juden geborene Josipovici ist in England, wo er als Anglistikprofessor lebt, ein vielbeachteter Autor von Romanen, Essays und Theaterstücken. Mit "Jetzt" stellt er sich erstmals in Deutschland vor: eine brillante, herzerfrischende Ausnahmeerscheinung. Gut, dass wir darüber geredet haben.Gabriel Josipovici: Jetzt. Roman. Aus dem Englischen von Gerd Haffmans. Haffmans Verlag, Zürich 2000, 253 Seiten, 36 DM.

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