Kultur : Gabriel Kolkos einseitiger Blick auf das Jahrhundert der Kriege

Christian Hacke

Gabriel Kolko gehört zu den sogenannten Revisionisten der Politikwissenschaft, das heißt er hat mit seinen Arbeiten in den vergangenen Jahrzehnten, vor allem zur amerikanischen Außenpolitik, nachweisen wollen, dass weniger die Sowjetunion, sondern vielmehr die Vereinigten Staaten Schuld an der Ausweitung des Kalten Krieges hatten. Wenn auch diese Kernthese von der Mehrheit der Sozialwissenschaftler zu Recht als einseitig zurückgewiesen wurde, kam doch Kolko das Verdienst zu, manche Schwächen der amerikanischen Außenpolitik seit dem Zweiten Weltkrieg aufgedeckt zu haben.

Im Unterschied zur einsichtigen antikommunistischen Politik in Europa, die sich auf demokratische Grundlagen und Verbündete stützen konnte, musste sich die Politik der Eindämmung in Asien auf autoritäre Regime stützen. Die Folgen waren fatal: Die USA verhinderten vielerorts demokratische Entwicklungen, statt diese zu fördern. Leider gab es in Asien kaum demokratisch-bürgerliche Perspektiven, sondern nur die Alternative zwischen kommunistischen oder rechten Diktaturen. Die USA befanden sich also oft in dem Dilemma, zwischen schlimm und schlimmer wählen zu müssen.

Aber Fairness beim Urteil ist nicht Kolkos Anliegen. Er klagt an. Für ihn eröffnete der Erste Weltkrieg eine Ära der industrialisierten Kriege, die im Massensterben bei Verdun ihren ersten blutigen Höhepunkt fand. Krieg heißt im 20. Jahrhundert nicht mehr die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, sondern die Zerstörung der Lebensgrundlagen für Millionen. Kriege und ihre Folgen bestimmten die Entwicklung von Gesellschaften wie kaum etwas anderes - die moderne Massengesellschaft ist ein Produkt des ersten modernen Massenkrieges von 1914 bis 1918.

Neben richtigen und klugen Beobachtungen wird dieses Jahrhundert der Kriege von Kolko allerdings unbefriedigend dargestellt. Sein Buch ist eine disparate Mischung aus Fakten, vereinfachenden Darstellungen und pauschalen Schuldzuweisungen. Kolko beurteilt das kriegerische Treiben in diesem Jahrhundert gern von einer höheren moralisierenden Warte: "Die Krieg führenden Nationen dieses Jahrhunderts scheiterten nicht nur unter abstrakten philosophisch-moralischen Aspekten, sondern auch im Sinne einer konkreten Güterabwägung. Überdies zogen sie einfach nicht ins Kalkül, dass große Umwälzungen auch das gesamte weltpolitische Machtgefüge verschieben können."

Die Wirklichkeit war jedoch komplizierter. Jede Großmacht glaubte, durch Krieg von innen- und außenpolitischen Problemen ablenken zu können. Zu Recht erklärt Kolko: "Krieg geht immer mit falschen Erwartungen und überraschenden, völlig unabsehbaren Wendungen einher", aber er versäumt, die daraus resultierenden Fragen zu beantworten: Wie stand es mit dem Primat der Politik? Welche Kriege im 20. Jahrhundert blieben kalkulier- und steuerbar und damit ein erfolgreiches Instrument der Politik, welche nicht?

Doch eine systematische Untersuchung des Phänomens des Krieges findet sich im Buch leider nicht. Die Frage, ob Kriege notwendig und sinnvoll waren, ob gerechte Kriege geführt wurden, fehlt ebenso wie die Untersuchung von Angriffs- oder Defensivkriegen. Kolkos Jahrhundert der Kriege bleibt schemenhaft, weil er sie nur unzureichend in die politische, gesellschaftliche, technologische und zivilisatorische Entwicklung dieses Jahrhunderts einzubetten weiß. Ohne die beiden Weltkriege wäre, laut Kolko, der Welt das kommunistische Experiment erspart geblieben. Diese Hypothese lässt sich schwer beweisen. Sie zu widerlegen hingegen, wäre eine These, die bei Kolko auf völligen Widerspruch stoßen würde: nämlich, dass das 20. Jahrhundert ein faschistisches oder kommunistisches Jahrhundert geworden wäre, hätten die Vereinigten Staaten nicht den von Faschismus oder Kommunismus bedrohten Nationen beigestanden und ihre Existenz auch mit kriegerischen Mitteln gesichert.

Aber dies ist Kolkos Anliegen nicht. Ganz im Gegenteil: Seine wirkliche These erscheint im Klappentext nicht: Sie lautet: Die Ursachen für die Kriege im 20. Jahrhundert liegen im Kapitalismus und im amerikanischen System. Dank seiner expansiven Kraft und seines wirtschaftlichen Interesses am Krieg "ist für den Kapitalismus Krieg lediglich die Erweiterung des Marktes mit anderen Mitteln".

Kolkos antikapitalistische und antiamerikanische Attacke schließt den Kreis zu seinen früheren Veröffentlichungen, insofern ist er sich treu geblieben. Das gilt auch für seine Nachsicht bzw. seine Einäugigkeit mit Blick auf die kommunistische Ideologie und Praxis kommunistischer Mächte im 20. Jahrhundert und ihren Folgen für Krieg und Frieden. Im Zentrum steht nicht die Aggressivität der Sowjetunion, die taucht nirgendwo auf, sondern der kriegerische Charakter amerikanischer Außenpolitik.

Das Vietnam-Kapitel wird von Kolko sozusagen zum Paradebeispiel amerikanischer Dummheit und Aggressivität hochstilisiert. Keine Frage, das Vietnam-Engagement der USA war falsch, endete in Niederlage und Katastrophe. Aber auch das Beispiel Vietnamkrieg dient hauptsächlich der moralischen Anklage gegenüber den USA, bringt jedoch nur Dürftiges mit Blick auf die grundsätzliche Bedeutung des Vietnamkrieges für das Hauptthema des Buches. Von objektiver Analyse des Jahrhunderts der Kriege auch hier also keine Spur.Gabriel Kolko: Das Jahrhundert der Kriege. Aus dem Amerikanischen von Hans Günter Holl.

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1999. 445 Seiten. 48 DM.

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