Gabriel Orozco : Die Kunst des Auflesens

Deutsche Guggenheim Berlin: Der Mexikaner Gabriel Orozco formt aus Abfällen Werke von faszinierender Schönheit. Jetzt sind seine Werke Unter den Linden zu sehen.

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Muscheln und Tennisbälle. Orozco trägt Strandgut zusammen. Foto: Gabriel Orozco 2012
Muscheln und Tennisbälle. Orozco trägt Strandgut zusammen. Foto: Gabriel Orozco 2012

Diese Szene möchte man als Bild einfrieren: Zwei Frauen in Edelschwarz beugen sich über den gläsernen Schaukasten und studieren: einen platt getretenen Kaugummi, ein kaputtes Gummi, Zigarettenstummel, Bonbonpapier. Alles Dinge, über die sie auf jenem Sportplatz, den Gabriel Orozco mit Kennerblick abgegrast hat, achtlos hinwegtreten würden. Orozco aber nobilitiert die Fundstücke und schafft im Deutsche Guggenheim ästhetische Plastiken, indem er den Müll systematisch arrangiert.

Die Kriterien, die er sich selbst vorgibt, sind schnell erkannt: Der bunte, kleinteilige Unrat ist nach Farben und Materialien sortiert. Dickes, Dünnes, Spitzes, Wolliges. Am Ende erstreckt sich die horizontale Arbeit „Astroturf Constellation“ auf einer quadratischen Fläche und mit der Wirkung eines mühsam rekonstruierten Mosaiks, das Aufschluss über die Kultur und die Lebensgewohnheiten des 21. Jahrhunderts gibt.

Neben der überschaubaren Vitrine, deren Inhalt von einem New Yorker Kunstrasen stammt, wiederholt sich dieses Prinzip auf dem Betonboden der Ausstellungshalle. Bloß dass die zweite Plastik „Sandstars“ uferlos lang ist und aus ungleich größeren Fundstücken besteht. Farbige Glasflaschen liegen neben bunten Glühbirnen, vom Salzwasser angefressenen Bojen, Treibholz und einer großen Kugel, die wohl als Mine irgendwann im Meer gelandet ist. All das stammt aus einem mexikanischen Schutzreservat für Wale und hat sich dort binnen kurzer Zeit am Strand aufgetürmt. Was für eine Ironie: Der Zutritt in diese Biosphäre ist verboten, und dennoch droht die Natur am zivilisatorischen Abfall zu ersticken.

Es wäre allerdings zu einfach, den mexikanischen Künstler für einen bloßen Kritiker der Wegwerfgesellschaft zu halten. Orozco, der in den vergangenen Jahren mehrfach auf der Biennale in Venedig und der Documenta in Kassel vertreten war, lässt sich von dem inspirieren, was seine Zeit ihm vorgibt – und dazu gehört der extreme Konsum. Wovon sich die anderen leichten Herzens trennen, weil es ein wie auch immer geartetes Update gibt, das rückt der 1962 Geborene in seinem spektakulären Werk erneut in den Fokus. Einzige Voraussetzung: Es muss weggeworfen und vom Künstler wieder aufgelesen worden sein. Nur so wohnt ihm jene poetische Energie inne, die einen neuen Blick erlaubt. Und aus Abfall plastische Elemente von faszinierender Schönheit macht. Ein Transformationsprozess, den Orozco inzwischen geradezu lässig beherrscht. Mitte der neunziger Jahre hat er sich mit dem Citroen DS noch eine automobile Legende vorgenommen, die für Fortschritt und Eleganz stand. In seinem Atelier verschlankte er das legendäre Fahrzeug um satte 60 Zentimeter und machte es damit beispiellos aerodynamisch – aber eben auch unbrauchbar. Ein technischer Traum als museales Nachbild, das vom französischen Staat angekauft wurde. Präziser ließ sich kaum demonstrieren, wie ein Gebrauchsobjekt dank seiner klugen Verfremdung in einen völlig anderen Kontext wechseln kann.

Diesem Prinzip ist der Künstler treu, sein Material wird jedoch zunehmend lapidarer. Auch damit gelingen Orozco verblüffend universale Bilder. Im Deutsche Guggenheim, das die Arbeit in der Reihe seiner Auftragswerke zeigt, verknüpft er die amerikanische Metropole mit dem Meer, den Mikro- mit dem Makrokosmos. Eine Brücke schlagen die Fotografien an der Wand, die jedes Objekt isoliert zeigen und die Motive anschließend zu 13 Tableaus zusammenfassen, auf denen alles seine Ordnung zu haben scheint.

Dass Orozco die wissenschaftlichen Muster der Typologisierung bloß imitiert und man wiederum auf Weggeworfenes schaut, ist ebenso rasch vergessen wie die divergierenden Größenverhältnisse. Ein Schutzhelm für den Kopf – von denen es am Strand offenbar wimmelt – wird vom Künstler in derselben Größe abgebildet wie die von ihm aufgelesenen Muscheln oder Tennisbälle. Tatsächlich lassen sich dank dieser Gegenüberstellung formale Ähnlichkeiten erkennen: Der Helm hat die Form einer Muschel und zeigt sogar ihr wellenförmiges Muster an der Oberfläche. Und natürlich resultiert aus dieser Wendung des Überflüssigen ins Ästhetische eine Konsequenz. Mitten im Müll kann man sich einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen kaum widersetzen.

Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13/15, bis 21.10., tgl. 10–20 Uhr

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