Kultur : Gähnen einer Ehe

Lars Noréns „Distanz“: Uraufführung im Studio der Berliner Schaubühne

Peter Laudenbach

Mit Lars Noréns Gesellschaftspanorama „Personenkreis 3.1“ eröffnete Thomas Ostermeier vor bald sechs Jahren die neue Schaubühne. Der schwedische Dramatiker ist inzwischen aber wieder zu den depressiven, kleinen Stücken aus dem gehobenen Bürgertum zurückgekehrt – zu den modernisierten Nachfolgemodellen von Albees „Virginia Woolf“- Personal, zu den Updates eines gut funktionierenden Genres.

In „Distanz“ begegnen wir wieder zwei Paaren, die auf den ersten Blick wie die üblichen Ehe-Opfer wirken: Normal verrohte Beziehungsinsassen. Enrico Stolzenburg hat die Uraufführung in der neuen „Studio“-Reihe der Schaubühne ohne unnötige Komplikationen abgewickelt. Kristoffer, ein herrischer Spießer mit Bügelfalten und ohne den Ehrgeiz, ein sympathischer Mensch zu sein (Falk Rockstroh), hat seine Gattin Hanna (Cristin König) fest im Griff: Kaum kann ihr Dauerlächeln die latente Panik überspielen. Ihr Geplapper ist nichts als die Außenseite ihrer Angst vor seinen cholerischen Schüben.

Auch das zweite Paar, der pummelige Tomas (David Ruland) und die sich gerne lasziv räkelnde Eva Lena (Christina Geiße) führt vor, wie Stumpfsinn, Lieblosigkeit und gelegentliche Hormonausschüttungen als Beziehungskitt funktionieren. So weit, so genreüblich. Aber die saturierten Achtziger sind vorüber, wir sind ein paar Jahre und Kriege weiter. Nicht mehr die Wohlstandsdepression wird liebevoll besichtigt, sondern die seelischen Kollateralschäden der neuen Weltordnung. Kristoffer und Tomas sind keine normalen Angestellten in irgendeinem gesichtslosen Großkonzern, sie sind Polizisten und erinnern sich beim Bier gern an ihre Bürgerkriegseinsätze in Bosnien. Ob sie für die UNO, die KFOR oder eine paramilitärische Miliz kämpften, bleibt offen. Klar wird nur, dass der Kriegseinsatz das Aufregendste war, was sie bisher erlebt haben.

Von diesen Erinnerungen zehren sie. Das Problem dieser Konstruktion, die die breitbeinig ausgekosteten Kriegserinnerungen ins banale Gerede einsickern lässt, ist ihre komplette Vorhersehbarkeit und Eindimensionalität. Die Schlusspointe wirkt nur noch wie der angestrengte Versuch, ein routiniert runtergespultes Stück mit einem Hauch Horror zu verzieren. Wenn die Männer nicht gerade ihre Frauen runterputzen, gönnen sie sich, wie wir am Stückende erfahren, den Besuch in einem besonderen Freizeitpark, in dem die Folter und Demütigung von Gefangenen zum Vergnügungsprogramm gehört. Was als Stück über die Banalität des Bösen intendiert ist, kippt in die wenig originelle Ausbeutung realen Schreckens.

Wieder heute und 31. 10. und am 2. 11.

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