Kultur : Gag mit Gurke

Doku 1: „Norman Foster baut in London“

Bernhard Schulz

Bauen ist längst nicht mehr das bloße Zusammenwirken von Architekt und Bauleuten. Bauen, jedenfalls für Firmenkunden, zielt auf die Schaffung einer corporate identity – eines Wahrzeichens, das jedermann mit dem kommerziellen Bauherren verbindet. Im Falle des Londoner Hauptquartiers des Versicherungskonzerns Swiss Re gelang dies beispielhaft.

Die „Gurke“, wie das konisch zulaufende Gebäude anfangs belächelt wurde, mittlerweile aber anerkennend genannt wird, ragt unübersehbar in den Londoner Himmel. Und erfüllt gleich noch zwei weitere Werbezwecke: den für das entwerfende Büro von Norman Foster und den für das neue Image der Stadt London, die mit den Worten ihres agilen Bürgermeisters „mit Zukunft“ assoziiert werden will. Der Entwurfsprozess in all seinen Details bis hin zur Farbe von Wandpaneelen, so zeigt es Regisseurin Mirjam von Arx in ihrer anderthalbstündigen Dokumentation „Building the Gherkin – Norman Foster baut in London“, ist das Entscheidende – hier prallen die unterschiedlichen Anforderungen der Nutzer aufeinander. Dass daneben auch noch gebaut wird, mit dem üblichen Stahlträgerhochziehen und Betonverfüllen, erscheint demgegenüber eher nebensächlich.

Ein bisschen Dramatik wird auch noch eingeflochten, mit dem zwischenzeitlichen New Yorker Anschlag von 9/11 – nur folgt daraus fürs Bauen von Hochhäusern so gut wie nichts. Die wahre Dramatik im Film ist die termingerechte Fertigstellung der Büroetagen, effektvoll ausgespielt von Bauleiterin Sara Fox, die ihre bildfüllende Hauptrolle beeindruckend ausspielt. Lord Foster bleibt sympathischerweise eher im Hintergrund; es wird sogar erwähnt, dass er sich beim Innenausbau mit Konkurrenten zu plagen hat.

Kommerzielles Bauen ist knallhartes Business, das ist die Botschaft des Films, und wenn doch einmal gefeiert wird, dann nur, um auf den am folgenden Morgen beginnenden Ernstfall des Arbeitsalltags hinzuweisen. Immerhin: „Plötzlich kennen alle Leute den Namen deiner Firma“, sagt ein schlichter Angestellter – und bringt damit auf den Punkt, worum es geht. Filmisch gesehen bleiben spektakuläre Szenen vom Bau, rasante Dialogschnitte und hübsche Spezialeffekte wie die Zeitrafferfahrt durch London, bei der die Gurkenspitze stets im Bild bleibt. Nur: Wen außerhalb eines Fachpublikums sollte das zum abendfüllenden Kinobesuch bewegen?

Eiszeit, International (OmU)

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