Gaito Gasdanow : Heimat ist ein Irrtum: "Ein Abend bei Claire"

Gaito Gasdanows traumhafter Debütroman „Ein Abend bei Claire“ erschien 1930 in einem russischen Exilverlag in Paris. Jetzt ist das Meisterwerk erstmals ins Deutsche übersetzt worden.

Tobias Schwartz

Kapriziös ist sie, diese unberechenbare, unnahbare und irgendwie unwirkliche Frauenfigur, die dem Protagonisten Kolja in Gaito Gasdanows legendärem, noch vom alten Maxim Gorki bewunderten Debütroman den Kopf verdreht. Lange musste man auf die Übersetzung des erstmals 1930 in einem russischen Exilverlag in Paris erschienenen Buches warten. Jetzt, endlich, ist es so weit: Wir können ein weiteres Werk des über viele Jahrzehnte eher im Klandestinen, immerhin jedoch als „russischer Camus“ gehandelten modernen Klassikers lesen, der bei uns 2012 mit dem grandiosen Roman „Das Phantom des Alexander Wolf“ schlagartig berühmt wurde.

„Ein Abend bei Claire“ lautet der Titel, und so beginnt auch die von Rosemarie Tietze kongenial übersetzte Geschichte. Nachdem er im russischen Bürgerkrieg aufseiten der weißen Armee gekämpft hat, flüchtet der junge Kolja Sossedow ins Pariser Exil, wo er nun Claire aufsucht, das rätselhafte Objekt seiner Sehnsucht. Zehn Jahre hat er sie nicht gesehen, und natürlich ist sie längst verheiratet, ihr Mann befindet sich auf Geschäftsreise. Ideale Bedingungen für eine „Amour fou“.

Der russische Schriftsteller Gaito Gasdanow, hier zirka 1934 in Paris.
Der russische Schriftsteller Gaito Gasdanow, hier zirka 1934 in Paris.Foto: Hanser Verlag

Die Begegnung von Kolja und der mit ihm kokett spielenden, schnell gelangweilten Femme fatale ist jedoch mitnichten von Leidenschaft geprägt. An deren Stelle tritt eine schier bodenlose Traurigkeit, die nur vordergründig in den Kriegserlebnissen, der Flucht vor den Bolschewiki und der Emigration wurzelt – allesamt Erfahrungen, die der 1903 in St. Petersburg geborene und 1971 in München gestorbene Gasdanow mit seiner Romanfigur teilt. Vielmehr hat die Traurigkeit mit einem betäubenden Verlorenheitsgefühl angesichts der Vergänglichkeit von Liebe und Leben zu tun, mit einer Ahnung von der Sinnlosigkeit des Daseins.

Gaito Gasdanow geht auf eine poetisch dichte Suche nach der verlorenen Zeit

So ist es keine dramatische Romanze, die den Romanverlauf bestimmt, sondern schon nach wenigen Seiten Koljas melancholisches Abtauchen in die eigene Vergangenheit, seine Kindheit im vorrevolutionär-idyllischen Russland. Es folgen die ersten Begegnungen mit Claire, der Kriegsbeginn und die Niederlage seines Weiße-Armee-Verbandes in Sewastopol auf der Krim, „… und was wir als Heimat ansahen, die trockene Hitze Südrusslands, die wasserlosen Felder und die asiatischen Salzseen, war nur ein Irrtum“. Es handelt sich hier um eine poetisch dichte Suche nach der verlorenen Zeit in verschachtelten, assoziativen Bildern – Proust zum Vergleich heranzuziehen, liegt nahe, weitere Textspuren führen zu Lermontow, Tolstoj, Tschechow.

Legendär ist „Ein Abend bei Claire“ seit seinem Erscheinen. Oder vielmehr: seit dem Erscheinen von Vladimir Nabokovs Erzählung „Träger Rauch“, die er in den frühen dreißiger Jahren verfasste und die in einem Berliner Domizil russischer Emigranten spielt. Nabokov erwähnt an einer Stelle drei im Regal stehende Bücher: den von ihm selbst geschriebenen Roman „Lushins Verteidigung“, einen Gedichtband von Boris Pasternak und eben Gasdanows im wahrsten Sinne traumhaftes Debüt, das man auch als exilrussischen Ausläufer der Literatur des Existentialismus und des Absurden betrachten kann. Sinn sei Fiktion, erfährt der „eigenartig taube“, dem Leben entrückte Kolja schon als Gymnasiast von seinem Onkel Witali, einem Skeptiker. Sinn gebe es nicht, auch keinen Sinn des Lebens. Im Gegenteil, die Frage danach könne in die Verzweiflung führen und möglicherweise, so erging es jedenfalls einem Kameraden Witalis, direkt in den Selbstmord. Seinen Überlebenswillen bezieht Kolja fortan von Claire, aber sie ist ein Phantom, eine Projektion, eine Traumgestalt.

Nur mittelmäßige Dichter begnügen sich damit, Wirklichkeit bloß abzubilden. Wahre Literatur verfährt demiurgisch und schafft einen eigenen Kosmos, eine wirklichere Wirklichkeit sozusagen. Gasdanow, dem der große Erfolg versagt blieb, der sich mit journalistischen Arbeiten und als Nachttaxifahrer über Wasser halten musste und von dem glücklicherweise noch einige Romane ins Deutsche zu übersetzen sind, ist mit „Ein Abend bei Claire“ genau das gelungen.

Gaito Gasdanow: Ein Abend bei Claire. Roman. Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze. Hanser Verlag, München 2014. 192 Seiten, 17,90 €.

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