Kultur : Galakonzert der Komischen Oper: Den Regen einfach weggesungen

Friedemann Kluge

Der S-Bahn-Nachbar war offenkundig gut informiert. Noemi Nadelmann, so dozierte er seiner Begleiterin, singe nicht nur Erdenschweres, sondern sei auch in der Operette zu Hause. Am hellichten Tag habe sie im Hotel "Meine Lippen, die küssen so heiß" angestimmt (siehe Tagesspiegel vom Samstag). Und das will etwas heißen.

Eine Probe ihres profunden sängerischen Könnens gab Nadelmann nun beim zweiten Galakonzert der Komischen Oper in der Waldbühne, hochkarätig unterstützt von zwei weiteren ausdrücklichen Publikumslieblingen, dem Altus Jochen Kowalski und dem Tenor Peter Seiffert. Das Accompagnato besorgte an diesem Abend das Hausorchester der Komischen Oper unter dem hoch charismatischen Dirigat seines scheidenden Leiters Yakov Kreizberg - und spielte lustvoll seine ganze Vielseitigkeit aus.

Den anspruchsvolleren Teil des voluminösen Programms hatte man klug vor die Pause gelegt. Solisten wie Orchester übertrafen sich gegenseitig. Noemi Nadelmann überzeugte mit "Deh vieni, non tardar" aus Mozarts "Figaro" ebenso wie mit ihrer Leib- und Magenarie "E strano" aus Verdis "Traviata". Jochen Kowalski sorgte für den ersten Begeisterungssturm des Abends mit "Va tacito" aus Händels "Julius Cäsar"-Oper, mit dem er zugleich ein paar schüchtern sich einfindende Regentropfen rigoros verscheuchte, und Peter Seiffert wagte sich gar an eine der mörderischsten Piècen seines Fachs: an die "Winterstürme" (!) aus Richard Wagners "Walküre".

Glänzend aufgelegt auch das Orchester, das mit Mussorgskijs "Nacht auf dem kahlen Berge" nicht nur das Publikum begeisterte: In den Piano-Passagen gefielen sich mit Buchfink und Nachtigall stimmkräftig zwei Gesangssolisten der ganz besonderen Art. Welch ein Cantus firmus!

Nach der Pause wurde es dann einerseits gemütlich-operettenselig, andererseits offenbarte das Orchester gar außerordentliche Big-Band-Qualitäten (so bei den Bernstein-Kompositionen). Und als Noemi Nadelmann und Jochen Kowalski dann auch noch gekonnt einen Tango aus Parkett legten, hatte das Publikum daran so viel Spaß, daß es sich immerhin fünf komplette Zugaben herbei applaudierte - und seine mit Speis und Trank üppig gefüllten Picknick-Körbe für eine ganze Weile vergaß.

Der Schlussgesang, angestimmt vom "großen Chor der Waldbühne", galt Berlins zweifellos berühmtestem Operettentierchen: Schon lange bevor die umgebende Natur mit Paul Linckes "Glühwürmchen" beschallt wurde, waren längst allenthalben Teelichte, Wunderkerzen und Feuerzeuge entzündet worden. Wieder in der S-Bahn, himmelte eine Dame ihren Begleiter rothaarig, grünblickig, sommersprossig und durch den ganzen Wagon gut hörbar an: "O Darling, thank you very very much. It was a really wonderful evening!"

Dem hat die Kritik so gut wie nichts hinzuzufügen, außer vielleicht: "The Last night of the Proms" mitten in Berlin? Warum eigentlich nicht!

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