Kultur : Galerie Aedes West: In einer Mulde des amorphen Raums

Insa Lüdtke

Die Wände der beiden Räume der Galerie Aedes West sind fast leer. Wer in der aktuellen Architekturschau Grundrisse, Schnitte und Ansichten der fünf Projekte des niederländischen Büros Nox sucht, wird enttäuscht. Stattdessen muss der Besucher sich seinen Weg zwischen den auf dem Boden verteilten raumgreifenden Modellen und den sogenannten "Flurbs" - postergroßen Computerausdrucken - bahnen. Ihr oberer Teil ist zwar in Hüfthöhe an den Wänden befestigt, die untere Hälfte krümmt sich aber an der Fußleiste in die Waagerechte und liegt auf dem Boden.

Das fünfköpfige Team um Lars Spuybroek verlangt dem Betrachter nicht nur eine ungewohnte Rezeption, sondern ein unkonventionelles Raumerleben ab. Auf den ersten Blick sehen die ausgestellten Objekte nicht gerade aus wie verkleinerte Gebäude. Die aerodynamischen Modelle erinnern vielmehr an geheime Studien von Karosserien aus der Entwicklungsabteilung eines Automobilkonzerns. Mit den "Flurbs" dokumentieren die Architekten ihre Projekte. Die liegende Hälfte zeigt collagenhaft bunte Bilder von Menschen in Alltagssituationen. Der hängende Teil präsentiert komplexe Diagramme mit Kurven und Skalen, die sich auch schon mal zu dreidimensionalen Objekten verformen. Das Auge findet nirgendwo eine ihm doch so vertraute gerade Linie, geschweige denn einen rechten Winkel. Selbst das Papierformat der Poster ist nicht orthogonal.

Im Rotterdamer Büro Nox findet man weder Stift noch Skizzenblock. Spuybroek arbeitet stets am Computer. So mache er sich unabhängig von der Konvention der heiligen 90 Grad. "Ich habe mit Hilfe der Computertechnik jeden Punkt im Raum unter Kontrolle", versichert Spuybroek. Er füttert den Rechner zunächst nur mit abstrakten Daten und Parametern. Der Bauherr erklärt ihm die Anforderungen an das Gebäude - zum Beispiel den Raumbedarf für spezifische Tätigkeiten. Durch die Verknüpfung der Informationen errechnet Spuybroek seine Diagramme. Sie bilden den Ausgangspunkt für die Raummodulation und damit für die Realisierungsphase. "Die konkrete Gestalt des Gebäudes kenne ich auch erst am Morgen, wenn der Bauherr kommt, um den Entwurf zu begutachten", erzählt Spuybroek. Es gehe ihm aber nicht nur darum, schöne virtuelle Räume auf den Bildschirm zu zaubern: "Der Prozess des Bauens ist ein ganz entscheidender Teil meiner Arbeit." Er sei untrennbar mit dem Entwurf verbunden: "Das Virtuelle und das Reale schließen sich nicht aus, im Gegenteil, sie verschmelzen heute in Zeiten von Internet und Cyberspace immer mehr zu einem Ganzen", erklärt der 41-jährige Niederländer.

Der Schritt vom animierten Entwurf auf dem Bildschirm bis zum Bauteil aus Metall oder Holz ist kurz und daher kostengünstig. Der Architekt kann direkt vom Rechner aus die Fräse programmieren. Er gibt ihm sogar die exakte Zeitspanne für den Zuschnitt an, so kalkuliert er sofort die Produktionskosten. Die aufwändige Anfertigung eines Vormodells entfällt.

Als erstes realisierte Nox 1997 für eine Ausstellung in den Niederlanden den Pavillon "H2OExpo". Dabei war dem Ministerium für Verkehr und Wasserwirtschaft als Auftraggeber wichtig, den realen und den virtuellen Raum zu verknüpfen. Wasser durchflutet das Gebäude, Sensoren reagieren auf Bewegungen der Besucher. Sie lassen mit Klängen und Animationen virtuelles Wasser sprudeln. Wie bei seinen späteren Projekten gibt der Architekt auch hier keine Korridore als Erschließungsflächen und Nischen als Nutzflächen frei. Er bietet lediglich Krümmungen und Schrägen im Raum als Optionen an. So kann man durch den amorphen Raum waten, springen, sich einfach in eine Mulde schmiegen und rasten. "Das ist doch das Leben, in jedem Moment die Freiheit zu haben, spontan zu sein."

Bisher fand Spuybroeks Architektur jedoch nur einen überschaubaren Interessentenkreis - meist unter seinen Bekannten, den Künstlern. Seit kurzem erweitert sich seine Klientel aber in die Medienbranche. Zur Zeit bearbeitet Nox mit einem Wohnungsbauprojekt in den Niederlanden und einem Bürogebäude in England sogar ganz alltägliche Bauaufgaben.

Trotzdem eckt Spuybroek mit seinen Kurven auch unter Kollegen an. Im letzten Jahr hatte er sich für eine Gastprofessur am Fachbereich Architektur der TU Berlin beworben. Die Berufungskommission berücksichtigte einen Konkurrenten. Spuybroek fliegt seit Anfang des Jahres nun regelmäßig nach New York City. Dort ist er jetzt an der renommierten Columbia University als Gastprofessor tätig.

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