Kultur : Galerie Anselm Dreher: Was nötig ist

Michaela Nolte

Der erste Augen-Blick in das Schaufenster irritiert - wo seit Anfang der siebziger Jahre der spröde Charme von Minimal und Concept Art residiert, leuchtet eine rote Phalanx aus Weihnachtssternen. Aber keine Sorge. Die Galerie von Anselm Dreher dekoriert ihr Fenster keineswegs weihnachtlich oder ist gar einer Blume 2000-Filiale gewichen. John Armleder hat mit dem Blumenteppich eine Ode an die Natur, an die Kunst und an seinen Galeristen geschaffen. Das Konzept (Auflage 24) kostet inklusive Zertifikat und Pflegeanleitung bis zum Jahresende 800, danach 1200 Mark.

Trotzig behaupten sich die zwanzig "Euphorbia pulcherrima" gegen eine monolithische Skulptur aus unbehandeltem Sperrholz (Preis auf Anfrage). Olivier Mossets maßstabgetreue Rekonstruktion einer Panzersperre aus dem Zweiten Weltkrieg sucht den Raum zu bestimmen; doch führt das Zwiegespräch der beiden Schweizer Künstler die Zerstörungsmaschinerie ad absurdum. Nicht nur optisch konterkarieren die symbolbeladenen Pflanzen den voluminösen Koloss; mit ihren hochgiftigen Substanzen verweisen die Wolfsmilchgewächse gleichsam auf die zersetzende Kraft von Natur und Kunst. Auch Mossets raumgreifender Polyeder impliziert eine persönliche Note - korrespondiert doch die Entstehungszeit des Prototypen mit dem Geburtsjahr des Galeristen.

In diesem Monat begeht Anselm Dreher sein sechzigstes Lebensjahr und in der hiesigen Galerienszene stellt er durchaus ein Bollwerk dar für Kunst, die sich nicht einfach konsumieren lässt. 33 Jahre, mehr als die Hälfte seines Lebens, hat der einstige Thieler-Schüler mit der Vermittlung dieser Kunst verbracht, denn: "Im Grunde leistete die Galerie die Arbeit eines Kunstvereins mit einem einzigen fördernden Mitglied: mir!" gesteht der Kurator-Galerist 1992 in einem Interview. "33/60" nennt Dreher seine Jubiläumsausstellung, kabbalistischen Zahlenspielen ebenso folgend wie den puren Fakten: "Weder alt noch neu, sondern das was nötig ist", zitiert der Untertitel Wladimir Tatlin. Mit sechs Arbeiten von Altbekannten, die den Geist des Neuen - im Sinne der Wahrnehmungsveränderung - herausfordern und allemal nötig sind, nimmt die museale Schau den russischen Konstruktivisten in jeder Hinsicht beim Wort. Ein Gespür für das Notwendige hat Dreher mit Beharrlichkeit unter Beweis gestellt, und dass sein für frühere Berliner Verhältnisse konträres Programm aufgeht, zeigen nicht zuletzt Künstler wie Armleder, Lawrence Weiner oder Heimo Zobernig. Zobernigs unbetitelte Arbeit erinnert an Malewitschs suprematistisches "Quadrat", streift knapp am Yves-Klein-Blau vorbei und ist doch nur ein handelsüblicher Trevirastoff, den Fernsehproduktionen für die Bluebox benutzen. Zwischen der Repräsentation des Kunstwerks und dem simplen Gebrauchsgegenstand schwebt das Farbspiel des Österreichers als Vorstellung von Farbe. Dem gegenüber reflektiert Lawrence Weiners "Statement 662" aus dem Jahre 1990 diesen Schwebezustand in der poetischen Verdichtung: "DUST + WATER PUT SOMWHERE. BEWEEN THE SKY & THE EARTH."

Neben Weiners meditativer Logistik (50 000 Dollar) zeigt auch Ange Leccia, dass konzeptuelle Kunst entschieden sinnliche Momente implizieren kann. Der gebürtige Korse, der in seinen Automobil-Installationen die Bewegung gerne ausbremst, verbildlicht mit dem Video "La Mer" (Auflage 3, Preis auf Anfrage) Heraklits "panta rhei": Gischt bäumt sich zu scharfkantigen Gebirgszügen auf und generiert im nächsten Moment den Schattenriss einer Skyline. Leccias Projektion von Meer überlagert Natur und Urbanität zum stillen loop ewigen Werdens und Vergehens. Alles fließt, und Anselm Dreher steigt nicht zweimal in den gleichen Fluss - obschon einige Arbeiten in Einzelausstellungen zu sehen waren, entfalten sie im veränderten Kontext und in der Konfrontation ein neues Antlitz.

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