Kultur : Galerie Asian Fine Arts: Reisende in Sachen Kunst

Matthias Mühling

Der Aufbruch Gauguins nach Tahiti markiert in der Geschichte der Kunst den Archetypus des Künstlers auf der Suche nach neuer Inspiration in fremden Welten. Was als privilegiertes europäisches Phänomen begann hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts auf dem gesamten Erdkreis ausgedehnt: Künstler reisen in Sachen Kunst. Eines dieser Projekte im globalen Dorf der Kunstwelt wird zur Zeit in der Galerie Asian Fine Arts im Rahmen des "Festival of Vision. Hong Kong - Berlin" gezeigt. Young Hay flog von Hongkong nach Berlin und Christian Rothmann von Berlin nach Hongkong. Beide sind Grenzgänger zwischen unterschiedlichen Kulturen, Hay ist gebürtiger Chinese und lebt in Hongkong, Rothmann ist in Polen geboren und lebt in Berlin. Beide verfolgen seit Jahren eine künstlerische Strategie, die sich über die Koordinaten Reise, Fotografie und Kommunikation definiert.

Young Hay durchwandert die Straßen von Berlin mit einer weißen Leinwand auf dem Rücken. Christian Rothmann hat ihn mit der Kamera begleitet und die Aktion dokumentiert. Der Künstler selber verschwindet hinter der Kunst, nur die Beine, die die Leinwand tragen, sind zu sehen. Die großformatigen Schwarzweiß-Fotos (Silbergelatineprint auf Alu-Dibond, 1/3, 4800 Mark oder Silvergelatineprint, x/8, 950 Mark) zeigen eine weiße Leerstelle vor markanten Kennzeichen der Städte. Das Brandenburger Tor, das Tacheles, das Alte Museum, der Palast der Republik und die Alte Wache sind die symbolisch aufgeladenen Monumente vor denen sich Young Hays Allegorie des blinden Flecks abzeichnet. Die Streetperformance "Bonjour Young Hay (After Courbet)" orientiert sich an zwei Inkunabeln der Kunstgeschichte: Gustave Courbets Selbstbildnis mit aufgerollter Leinwand auf dem Rücken "Bonjour Monsieur Courbet" und Kasimir Malewitschs "Weisses Quadrat". Hongkong, Köln, New York und Peking sind die Stationen, die Young Hay abgelaufen hat um den zufälligen Betrachtern die Projektionsfläche seiner weißen Leinwand als Imaginationsraum anzubieten. Die Performance ist der Einstieg zum Gespräch mit seinen Beobachtern: aber nicht mit dem Kunstpublikum, sondern mit Passanten, die zum Debattieren über Kunst eingeladen sind. Oft wird über die Bedeutung des weißen Bildes gerätselt. Anspielungsreich verweist die weiße Leere in den nervösen Metropolen der Welt auf kontemplative Modelle fernöstlicher Weisheit und die Traditionen des Weißen in der westlichen Kunst. Das reine Nichts gestaltet sich als ästhetischer Brückenschlag zwischen Ost und West.

Rothmanns eigene Fotografien kontrastieren die konzentrierte Stimmung der Berliner Performance in bonbonfarbener Ausgelassenheit (C-Prints auf Alu Dibond, 5800 Mark oder C-Prints auf Fuji-pictographic, 480 Mark). Sein globales Fotoprojekt führte ihn nach Australien, die USA und die Philippinen. In Hongkong wurde er im Gegenzug von Young Hay begleitet, der ihm anfängliche Sprachbarrieren aus dem Weg räumen half. Sein Reisegepäck ist eine Kamera und zwei Fotografien seiner selbst. Das eine zeigt ihn lachend, das andere nachdenklich, mit geschlossenen Augen. Auf seinen Reisen bittet er seine Zufallsbekanntschaften mit seinem Foto in der Hand, für ihn Modell zu stehen. Ein Prozess, der Kommunikation in Gang setzt und die Abwesenheit des Fotografen im Bild überwinden soll. Der Entstehungsprozess ist durch spontane Interaktion zwischen Fotograf und Modell bestimmt. Die Fotografien dokumentieren die Überredungskunst Rothmanns in Sachen Völkerverständigung und zeigen Personen, die meist amüsiert sein Foto der Kamera präsentieren. Es blitzt ein kurioser Bildwitz auf, dessen anekdotischer Charakter die Geschichte einer Begegnung erzählt. Die kleinen Narrationen sind durch den Erinnerungswert bestimmt, sie sind das visuelle Zeugnis von Rothmanns Reisen in fremde Länder. Im heimischen Atelier werden diese Bilder dann mit einer zweiten Fotografie kombiniert, deren abstrakte Farbnuancen die Stimmung der Portraits aufnehmen, aber in bewußter Unschärfe gehalten werden.

Die Reiseunternehmungen der beiden Künstler dienen dem Zweck sich im Verhältnis zu den anderen und zu sich selbst neu zu definieren. Das Aktionspotential der Kunst ist der Katalysator, um über die kulturellen Unterschiede hinweg mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Das integrative Potential liefert für Young Hay die weiße Leinwand als Projektionsfläche und für Christian Rothmann die Fotografie seines eigenen Abbilds. Beide suchen nach einer Kommunikationsform, die über die Grenzen der Sprache hinweg mittels der visuellen Traditionen der Kunst funktionieren. Der Kontakt von Mensch zu Mensch entsteht über das universelle Instrumentarium der Fotografie. Trotz der heute ununterbrochen elektronisch zirkulierenden Kommunikation spielt für beide Künstler die physische Präsenz eine entscheidende Rolle in ihrem interkulturellen Dialog. Die Künstler werden zu Reisenden, die den Erdkreis auf der Suche nach neuen Erfahrungen durchwandern, sie werden zu Botschaftern in Sachen Kunst. Die Begegnung mit der Vielfalt von kulturell Unvertrautem ist die eigentliche Passion des Reisenden. Das Interesse an der Interaktion mit Unbekannten, die Lust auf das Gespräch mit anderen Menschen ist die Triebfeder für den Auszug aus dem Atelier. Die Isolation des Ateliers und die Hermetik des Kunstbetriebs werden eingetauscht gegen die Faszination, die Neugier und des Staunen, die ihren relevanten Ort im Reisen haben.

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