Galerie-Ausstellung : Schwarze Arche Noah

Der Künstler Yinka Shonibare war schon für den Turner Price nominiert und wurde von der Queen zum Ritter geschlagen. In der Galerie Blain Southern zeigt er nun sein höllisches Paradies. Es ist seine erste große Ausstellung in Berlin

Am Abgrund. „Revolution Kid“ tänzelt auf einem dünnen Seil. Foto: Galerie/VG Bild-Kunst
Am Abgrund. „Revolution Kid“ tänzelt auf einem dünnen Seil. Foto: Galerie/VG Bild-Kunst

Man hat es immer schon geahnt: Als Adam und Eva den Apfel vom Baum der Erkenntnis stahlen, waren sie kopflos. So sieht es der renommierte nigerianisch-britische Künstler Yinka Shonibare MBE, in dessen Kosmos dieses drastisch metaphorische Bild für fehlenden Verstand perfekt passt. In der Berliner Dependance der Galerie Blain Southern lässt er seine Vorstellung paradiesischer Zustände in gewohnt opulenten Tableaus (Preise auf Anfrage) erstehen. Lebensgroße Figuren mit farbenprächtigen Kostümen bilden das Set für „Making Eden“, seine aktuelle Einzelausstellung.

Flankiert wird das Paar von künstlichen Torten an der Wand, die süß und klebrig aussehen. Plastiktiere stecken darin und erinnern nicht von ungefähr an die Bewohner der Arche Noah. Bloß dass sie kein anderes Leben nach der Flut erwartet, sondern ein zuckriger Tod. Der unauflösbare Widerspruch dieser Schau manifestiert sich bereits im Titel. Wie sieht ein Garten Eden aus, den sich jeder selbst basteln kann: Bei Shonibare ist es ein bestialischer Ort, an dem bevorzugt gehauen und gestochen wird. Quer zur abendländischen Weltsicht erklimmt der Besucher nach seiner Bekanntschaft mit den biblischen Gestalten die Stufen zur oberen Etage der Galerie – und landet direkt in der Hölle. Hier erwarten ihn Skulpturen, die mit Pistolen fuchteln oder bereits von Schwertern durchbohrt sind.

Dabei ist Shonibare, der 2004 für den Turner Price nominiert war und später von der Queen in den Ritterstand erhoben wurde, überhaupt kein destruktiver Mensch. Er selbst sieht sich als Realist, der die utopischen Ideale mit ihren dunklen Seiten konfrontiert. Dass „aufgeklärte Absichten in der Summe nicht unbedingt aufgeklärte Ergebnisse produzieren“, gehört zu seinen Einsichten, die er skulptural, malend, als Film und Fotografie oder in Performances formuliert.

Sie machen anschaulich, wie groß die Sehnsucht nach dem Paradies und wie klein die Lampe der Vernunft dabei letztlich ist. Revolution und Gewalt bedingen einander. Das war in kolonialen Zeiten so, die Shonibare ebenfalls reflektiert, indem er Stoffe nutzt, die folkloristisch wirken, tatsächlich aber einmal um die Welt gehandelt wurden. Es klingt aber auch in Figuren wie „Revolution Kid“ (2014) an, die Delacroix’ großem Freiheitsgemälde entsprungen ist – und nun eine goldene Pistole hält, wie sie Gaddafi bei seiner Verhaftung trug. Was Shonibares Arbeiten jenseits aller Gewalt erträglich, sogar sehenswert macht, ist sein Fazit: Es gäbe, sagt er, keinen irrationaleren Beruf als den des Künstlers, der unverdrossen nach Erlösung und Schönheit sucht. cmx

Galerie Blain Southern, Potsdamer Str. 77–87; bis 19.4., Di–Sa 11–18 Uhr

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