• Galerie Barbara Weiss: Andreas Siekmann ist der letzte Gast in den Galerieräumen in der Potsdamer Straße

Kultur : Galerie Barbara Weiss: Andreas Siekmann ist der letzte Gast in den Galerieräumen in der Potsdamer Straße

Knut Ebeling

Lange hat sie durchgehalten. Am Ende wurde Barbara Weiss doch schwach und erlag dem Mythos Mitte. Nach der letzten Ausstellung ihrer Galerie in der Potsdamer Straße zieht sie als eine der letzten Top-Galeristen um nach Mitte - oder besser, an den Rand von Mitte, wie sie betont. Umso überraschender ist es, dass Barbara Weiss für die letzte Ausstellung ihrer Räume in der Potsdamer Straße mit Andreas Siekmann keinen trendsettenden Klassiker der Galerie ausgesucht hat. Der ausstellungsscheue Berliner Konzeptkünstler Siekmann, der sich eher als Kritiker denn als Künstler einen Namen gemacht hat, hat bisher kaum Einzelausstellungen bestritten. Neben namhaften Gruppenausstellungen in Projekten, die sich in der Neudefinition und Repolitisierung des öffentlichen Raums versuchten, hatte Siekmann im letzten Jahr eine größere Einzelausstellung im Frankfurter Portikus, die sich mit der sozialsymbolischen Bedeutung der Blue Jeans auseinandergesetzt hatte.

Bei Barbara Weiss zeigt der Kritikerkünstler - sozusagen als Vorgeschmack auf die Zukunft der Galerie - drei Baustellenmodelle für fiktive Bauvorhaben: Ein Kongreßzentrum für einen Medienkonzern, ein "Haus am Rande der Stadt" und ein Rekreationszentrum inklusive Casino für die Business Class der new economy (Computerprints je 600 Mark; Gesamtinstallation 28 000 Mark). In den drei Fällen - es handelt sich um Kunst-im-öffentlichen-Raum-Projekte, zu denen der Künstler eingeladen worden ist - zeigt Siekmann jedoch kein Modell des geplanten Baus, sondern ein Modell der Baustelle des Neubaus: Im Fall des Medienkonzerns sieht man nicht den entstehenden Bau, sondern die Bauarbeiterbaracken, die geschwürartig temporär auf jeder Großbaustelle auftreten. Im Fall des Familienbunkers im Grünen sieht man nicht das fertige Gebäude, sondern die Baugrube, die dafür entsteht. Und im Fall des Casinoparks sieht man keine Spielhalle, sondern - frei nach E. A. Poe gestaltete - Physiognomien derer, die sich einmal darin verlustieren werden.

Und damit nicht genug. Siekmann verschweigt nicht nur das konkrete architektonische Objekt, sondern er bringt die Aufmerksamkeit auf die medial verzweigte "städtische Planungssituation", innerhalb derer ein Neubau entsteht, also den ganzen bunten Schnipselpark an Daten, Namen und Nachrichten, der sich jeweils um ein solches Projekt rankt: Grundrisse und Hochglanzfeatures, Pressemeldungen und Bauherrenstatements, Werbebroschüren und Webadressen. Siekmann entführt den Besucher tief in den Dschungel des Blendwerks der Immobilienmakler. Was ihn an diesem Phänomen interessiert, ist jedoch weder eine Sozio- noch eine Mediologie des urbanistischen Settings, in der ein Bau entsteht. Vielmehr geht es darum, dass Architektur in ihrer ganzen medialen Vorwegnahme und Vernetzung einen Mehrwert erzeugt, der Gebäude erst entstehen lässt; den Künstler interessieren die "sozialtechnologischen Machbarkeitsphantasien", die urbanistische Großprojekte entstehen lassen: "Wesentlicher Bestandteil des Prozesses ist die Produktion eines neuen Images, das für die jeweiligen Produktentwicklungs- und Immobiliengesellschaften einen wichtigen Bestandteil des Wertbildungsprozesses formuliert." (Siekmann) Anders gesagt: Es geht darum, dass in der Stadtplanung nicht Rationalität und Vernunft regieren, sondern - wie beim Gambling - Triebe und Affekte.

Bei seiner Intervention in das mediale Gewebe der marketingmäßigen Wertschöpfung stört es auch nicht, dass sich Siekmann im hinteren Teil der Ausstellung ein wenig verzettelt. Im Casino-Teil der Ausstellung vertändelt er am Spieltisch der Bauherren, durch deren Welt er sich in affirmativer Lust von den Frühformen des Kapitalismus bis zur new economy durchzappt, die konzeptuelle Strenge, die die ersten beiden Modelle ausgezeichnet hätte. Deren wohldurchdachtes Kalkül war es, den Status des Modells zu verkehren: Das Modell wird dort nicht als Vorform einer Realität behandelt, deren Verkleinerung es darstellt, sondern als deren generierender Faktor. Das Modell richtet sich nicht nach der Realität, die noch nicht da ist, sondern die Realität richtet sich nach dem Modell, das man sieht. Hier wird nicht abgebildet, was gebaut wird - gebaut wird, was auf Hochglanz schick abbildbar ist und sich gut vermarkten lässt. Das ist der Imperativ, mit dem das neue Berlin - zwischen dem ehemaligen und dem zukünftigen Standort der Galerie Barbara Weiss - gebaut wird.

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