Kultur : Galerie Bodo Niemann: Modell von Wirklichkeit

Peter Herbstreuth

Was zum Werk von Thomas Demand gesagt worden ist, kann auch zur Arbeit von Christine Eberhard gesagt werden. Die 1969 geborene Düsseldorferin baut Modelle von Interieurs, fotografiert sie aus idealem Winkel und präsentiert die Konstrukte mit dem unheimlichen Anschein eines realen Raums, der seine Künstlichkeit im selben Maße sichtbar macht wie er ihn dementiert. Daher rührt eine leichte Beunruhigung. Man weiß nicht recht, womit man es zu tun hat.

Die Subversion der Gewissheit gegenüber Gegegenständen der realen Welt hatte mit den Impressionisten eingesetzt und begleitete die Kunst durch das letzte Jahrhundert. Demand hält seit einigen Jahren den Gedanken mit adäquaten Mitteln am Prägnantesten wach. Je überzeugender das Auge dazu überredet werden kann, die Wiedergabe realer Räume zu sehen, deren Makellosigkeit im selben Maße den Zweifel nährt, sie seien lediglich Erscheinungen, desto näher liegt das jeweilige Werk am Kerngedanken des Entwurfs. Die visuellen Tatsachen sind auf Modell und Idee rückführbar, nicht auf krude Wirklichkeit. Die Regisseure Andy und Larry Wachowski haben dies in "Matrix" anschaulich popularisiert. Demand pointierte den sanften thrill zur verführenden Potenz seiner Fotografien. Christine Eberhard lässt ihr Werk von retinalen Effekten beherrschen: ein Fest für die Augen.

Sie konstruiert Ausschnitte von öffentlichen Räumen: Foyers, Konferenzzimmer und Kunsthallenfluchten. Es sind jene Orte, denen man nicht zu altern erlaubt. Entweder glänzen sie wie neu, oder sie sehen schäbig aus. Das Material lässt kein Zeitvergehen zu, ohne schmuddelig zu wirken. Altern heißt letztlich ersetzt zu werden. Diese Ästhetik eines permanenten updates passt zur reinen Computerästhetik perfekt und Eberhard bringt es in punkto Farbspiel in kleinen Formaten großartig ins Bild.

Vor über hundert Jahren konnte man sich entscheiden, Monet, Sisley oder Signac den Vorzug zu geben. Jeder arbeitete auf seine Weise am selben Phänomen. Ebenso kann man sich nun entscheiden, ob man Demand oder seiner Gefährtin im Geiste den Vorzug gibt. Sie gehört bereits zur nächsten Generation und geht mit den Vorgaben des Meisters naturgemäß freier um als der Erfinder, der die Formation erst behutsam zu entwickeln hatte. Ihre Verwendung der Farben bei gleichzeitiger Konsistenz der Motive rückt sie dank vorangeschrittener Technik mit hoher Brillanz in die Nähe der großen Lichtmaler. Die daraus resultierende Idee eines "Scheinen des Scheins" (Nietzsche) wird wohl die philosophische Abteilung der Kunstkritik aktivieren. Doch man sollte sich nicht mehr täuschen als nötig. Künstler, die unter heutigen Bedingungen aus trügerischen Oberflächen die maximalen bildstiftenden Konsequenzen entwickelten wie einst Cézanne aus dem Impressionismus, diese Künstler wären noch zu finden. Denn nicht Monet et. al. haben die Sehweisen des letzten Jahrhunderts geprägt, sondern die mannigfachen Aneignungen, die dem Werk Cézannes entsprangen. Für Demand und Eberhard heisst das: der Eigenbrödler in der Provence hatte als Impressionst in der Metropole begonnen; entscheidend aber wurde, was dann aus der Provinz kam. Lange nicht mehr war so viel Anfang.

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