Kultur : Galerie "designtransfer": Hirschkäfer und Seestern

Constantin Trettler

Wo liegt bloß die FDJ-Disco? Nicht etwa in den östlichen Szenebezirken, wie man annehmen könnte, sondern in der Charlottenburger Grolmanstraße, in der Galerie "designtransfer". Tanzen kann man dort nicht, dafür aber umso ausgelassener "Memory" spielen. Die FDJ-Disco ist nämlich nicht wieder auferstanden, sondern lediglich ein Kärtchen aus dem von Monica Rau entwickelten "ostwest-memory", das irgendwo verdeckt auf dem Spieltisch liegt. Rau und andere Studierende des Studiengangs "Visuelle Kommunikation" der HdK entwarfen im Sommersemester neue "Memory"-Spiele, die ab morgen zu sehen und natürlich auch zu spielen sind.

"Memory" - Verkaufsschlager des Ravensburger Verlags seit 1959 - kennt fast jeder. Ziel ist, aus einem Feld verdeckt liegender Karten so viele Bildpaare wie möglich aufzudecken. Auch Monica Rau erinnert sich an die Abbildungen, die bis heute unverändert geblieben sind. "Eigentlich bin ich überhaupt keine Spielerin", behauptet sie, doch die Zitrone, der Hirschkäfer und der Seestern sind auch ihr wohl geläufig.

Erinnern und Erinnerung

Das "Memory"-Spiel, das sie nun entwickelt hat, besteht aus Karten mit ost- und westdeutschen Motiven: Auf ihnen lachen das "Brandt"-Logo oder der "carrera"-Schriftzug, auch die Jungpioniere fehlen nicht - und die FDJ-Disco. Die Doppeldeutigkeit von "Memory" nimmt Monica Rau wörtlich: "Bei dem Spiel geht es ums Erinnern, man kann aber auch mit der Erinnerung spielen."

Das ist ganz nach Ute Neckers Vostellungen. Die Mitarbeiterin des Hamburger "Büro für Mitteilungen" wurde im letzten Semester als Gastprofessorin an die HdK geholt. Sie betont, keine Brettspiele zu spielen. "Die Studenten sollten eine eigene Thematik ins Spiel bringen, nicht nur mit den Karten spielen, sondern auch mit dem Thema", formuliert sie die Zielsetzung. Folglich spielt man im "Memory" von Monica Rau nicht nur mit Karten, sondern auch mit Kindheitserinnerungen (West) und (Ost). "Am Anfang hatte ich das Konzept, jedem West-Motiv ein Ost-Motiv gegenüberzustellen. Das hat aber nicht funktioniert, weil ich nicht zu allem ein entsprechendes Gegenstück fand", sagt die dreißigjährige Studentin. Deshalb muss man auch in ihrem Spiel immer zwei gleiche Kärtchen finden.

Eine digitale Version des Spieleklassikers darf aber auch nicht fehlen: "on the run" spielt man nicht mit Kärtchen, sondern am Computer. Die Motive aus Jan Köppers "Memory"-Spiel sind Fluchtszenen aus Filmklassikern - die Spieler erraten nicht nur, wo das Bildpaar liegt, sondern auch, aus welchem Film die Szene stammt.

Ute Necker ist mit den Ergebnissen zufrieden: "Die Team-Arbeit war etwas schwierig, doch hat sich jeder sehr intensiv mit seiner Spielidee auseinandergesetzt." Die vielen Varianten, die die Studierenden jetzt bei "designtransfer" ausstellen sind sehr unterschiedlich. Das geht bis zu einer völligen Abwandlung, des "Ur-Memory" bei dem vor allem das Erinnerungsvermögengefragt ist. Dank HdK kann man jetzt sogar Kriminalfälle lösen und die eigene Phantasieanregen.

Ausgespielt

Denn Franziska Morlok hat sich "Ausgespielt" ausgedacht: Die Kartenmotive sind Indizien, die es zu sammeln gilt. Wer seinen Fall am glaubhaftesten rekonstruieren kann, gewinnt. Auf einem anderen Spieltisch liegen lauter kleine Würfel. Von außen sehen sie alle gleich aus, aber der Inhalt ist entscheidend. Hier können die Spieler ihren Tast- und Hörsinn trainieren - "sinn3

" heißt diese von Charlotte Driessen entwickelte Variante. Ihre Würfel muss man schütteln, oder den Inhalt betasten. Wem das zu kompliziert ist, der kann sie natürlich auch öffnen und hineinschauen. Doch die Freude über den erratenen Inhalt hält nicht lange vor, denn - wo ist jetzt der zweite Würfel mit Büroklammern?

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