Kultur : Galerie Haas & Fuchs: Mysterium der Oberfläche

Peter Herbstreuth

"Alle Maler sollten mit fünfzig pensioniert und gezwungen werden, ihr Werk aufzugeben. Die Regierungen sollten darüber wachen, dass die Maler von Pensionsgeldern leben und nicht heimlich arbeiten," sagte Marcel Duchamp im Interview 1927. Sein Affekt richtete sich gegen Routine und Trägheiten aller Art. In den fünfziger Jahren fügte er hinzu: "Die Malerei der Renaissance wollte ihre Idee von Gott ausdrücken. Und es ist diese Idee, die mich beherrscht: dass nämlich die reine Malerei als Ziel an sich uninteressant ist." Von daher lassen sich viele Missverständnisse auflösen, die Duchamps Affekt gegen die Malerei nach sich zog. Im Grunde ist sein Gedanke simpel: wenn die Bildkunst durch nichts Übergeordnetes beflügelt wird, bleibt sie belanglos und leer. In diesem Sinne sagt der 1930 geborene Franz Gertsch: "Mich interessiert nicht die Kunst in der Malerei, sondern das Leben. Meine Strategie besteht darin, Bilder zu malen, wo das Etwas (das realistische Bild) so makellos wie das Nichts (die weiße Leinwand) ist."

Diesem Ideal eines ebenbürtigen Transfers folgte Gertsch mit verschiedenen Sujets. Seit den sechziger Jahren interessierte er sich für bereits vermittelte Menschenbilder, also für Frauen und Männer, die von Fotografen schon ins Bild gerückt worden waren. Er hob sie auf monumentalen Formaten in ein idealisiertes Licht. Schnell galt er als Fotorealist, der er zwar nie war. Gertsch pinselt keine Fotos ab. Er setzt das Mysterium des Abbildens in Szene. Holzschnitte, so sagt man, sind grob und kantig. Das Urteil rührt wohl von den Expressionisten her, die die harte Kontur und Klarheit des Holzschnitts gegen die feingliedrigen Jugendstilwerke wendeten, um einen spürbaren Grad vitaler Präsenz in der Einfachheit zu erreichen. Die Holzschnitte von Gertsch wirken dagegen im Dialog zwischen Licht und Schatten zart wie ein Hauch luftiger Erscheinungen. Und ein Künstler muss viele Bilderfahrungen gemacht haben, um so einfach und souverän zu werden, Gräser auf Leinwand zu übersetzen und in Holz zu punktieren. Es ist gleichwohl eine Einfachheit de luxe, deren Merkmal darin liegt, dass sie nicht zitiert, sondern durch geduldiges Arbeiten geschaffen ist. Daraus schöpfen die Bilder ihren Sinn. Gräser haben keinen Symbolgehalt. Doch durch die variable Fülle des Immergleichen und Niedesselben im Bild sind sie suggestiv und erscheinen wie Unterholz, aus dem unversehens eine Schlange herauschnellt oder idyllisch, als käme plötzlich ein Schmetterling und setze sich auf ein Blatt. Die in Holzrahmen gefassten monochromen Unikate (je 85 000 Mark) drängen sich nicht auf und erfordern kein ikonografisches Wissen. Gertsch stellt die Gräser nicht mit dem Blick eines Biologen dar, sondern eher wie ein Mönch, der die Erscheinungen der Welt als Geschenk der Schöpfung betrachtet, in denen das Wesentliche verborgen ist. Darin liegt das Mysterium der Oberfläche aus Lichtpunkten und Mineralfarben: völlig erklärbar und in ihrer Wirkung weder vorhersehbar noch zu durchschauen.

Was also wäre das Spezielle, das Duchamp bei Malern über fünfzig schwinden sah? Manche sehen es im Blick auf die Natur, der die Brechungen technischer Durchdringung voraussetzt. Vielleicht liegt es einfach in der besonderen Mischung aus Hinzufügen und Weglassen, Geben und Nehmen, das in der besten aller Welten so ausgeglichen wäre, wie ein Holzschnitt von Franz Gertsch. Eine Werkanalyse müsste also bei Tauschbeziehungen ansetzen. Es geht es um Ökonomie in höchster Vollendung - denn die Arbeit von Franz Gertsch ist ein Gegenbild zur Welt.

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