Galerie Kunstagenten : Im Niemandswunderland

Manche Dinge mogelt das Duo als Pappmodell auf die Fotos: Die großartigen Arbeiten von Taiyo Onorato und Nico Krebs in der Galerie Kunstagenten.

Jens Hinrichsen
Leuchtfeuer. Die Aufnahme "Car 2" (2008), ein C-Print aus der Serie "The Great Unreal".
Leuchtfeuer. Die Aufnahme "Car 2" (2008), ein C-Print aus der Serie "The Great Unreal".Foto: Galerie Kunstagenten, Berlin

Straßenbauer sehen sie vermutlich sofort – die seltsamen Falten im Asphalt. Die Fahrbahnmarkierung, die aus der Mitte ausschert. Der Laienblick lässt sich leichter vom Sog der Perspektive narren. Tatsache ist jedoch: Viele Fotos von Taiyo Onorato und Nico Krebs sind halb gelogen. Da entspricht allein die weite Landschaft von West Virginia, Kentucky oder Missouri den Fakten. Der Highway aber ist aus der Luft gegriffen, ist bloß selbst gebastelte Traumstraße.

Wo ein Kunstwille ist, ist auch ein Weg. Das Schweizer Künstlerduo Taiyo Onorato & Nico Krebs ist mit seinen Fotoarbeiten in der Galerie Kunstagenten gelandet. An der Intensität gemessen, mit der die beiden ihre Version des amerikanischen Traums aufblättern (die zugleich auch kritische Revision ist), stehen sie wohl erst am Anfang ihres Erfolgswegs in die Kunstinstitutionen. Die jungen Männer (Jahrgang 1979) haben allerdings mehrfach in New York ausgestellt und im renommierten Aargauer Kunsthaus diesen Winter eine Soloschau bestritten.

„The Great Unreal“ heißt die umfangreiche Serie aus Schwarz-Weiß- und Farbfotos, mit der Onorato & Krebs ihren Einstand in Deutschland geben. (Die Silbergelatine- und C-Prints kosten zwischen 2000 und 6800 Euro, der preisgekrönte Fotoband „The Great Unreal“ ist für 44 Euro erhältlich). Entstanden sind die Bilder auf drei ausgedehnten USA-Reisen und einigen Kurztrips während eines Stipendiums in New York. Man spürt den Einfluss großer amerikanischer Fotografen wie William Eggleston, Joel Sternfeld oder Stephen Shore, aber in der speziellen Mischung aus Dokumentation und Trickfotografie bringen die jungen Schweizer eine ganz persönliche Farbe ins Medium. Und im Gegensatz zu den Vorbildern sind ihre Fotos radikal entvölkert. Niemandswunderland.

Schlüsselmetapher des „großen Irrealen“ ist immer wieder die fluchtperspektivische Straße. Fragt sich eben nur, ob die Wunschmaschine dort abhebt oder gerade landet, ob der Senkrechtstart gelingt oder all die hochfahrenden Träume am Schluss in Trümmern liegen. Es ist ein Amerika der herbschönen Landschaften und der trostlosen Zivilisationsinseln, von dem die Forschungsreisenden künden. Dünn ist die Kruste, in der die Bungalows ankern; unter der Abbruchkante gähnt ein Abgrund, den Onorato & Krebs raffiniert als Pappmodell ins Foto mogeln: Eine Reminiszenz an Erdbebenspektakel oder Spielberg-Filme vor der digitalen Revolution. Der handgemachte Kinozauber, den Cyberhollywood längst vergessen hat, scheint ohnehin eine wichtige Inspirationsquelle für das Gespann zu sein.

Unterwegs in Amerika, wo das Blaue vom Himmel versprochen wird: „Alle paar Meilen machten Autobahnschilder auf die ‚fünfbeinige Kuh’ neugierig“, erzählt Onorato; das Foto der Kreatur, die im Staub eines Farmgeheges liegt, weckt dann nur Mitleid. Die wahren Monster sind todtraurig.

Was Nico Krebs „deprimierend“ findet, ist die „enorme Geschwindigkeit, mit der alles besiedelt wurde“. Von der Schäbigkeit von Motelzimmern, Drive- in-Restaurants und Müllkippen erzählen die Bilder, aber immer bringt die Künstlerhand die Dinge in Bewegung, als könnte man diese Welt aus ihrer Schockstarre lösen. Ein Dutzend vom Abhang rollende Reifen frieren Onorato & Krebs so ein, als träumte auch das Altgummi vom Weg- und Weiterkommen.

Mit ihrer Improvisationskunst reihen sich die Schweizer in die Tradition der weltenschaffenden Fotografie. Gregory Crewdson, Cindy Sherman, Anna und Bernhard Blume, Thomas Demand oder der viel zu wenig bekannte Lois Renner haben mit der trügerischen Beweiskraft des Fotomediums gespielt, ihre Bildräume aber ganz oder zumindest partiell erfunden. Wie die Letztgenannten kommen Onorato & Krebs ohne digitale Trickkiste aus. „Im Photoshop weht kein Wind“, stellt Onorato fest, aber dieses Reibungs- und Schwerelose behagt ihm nicht.

Im Untergeschoss der Galerie hat das Duo eine Rauminstallation aufgebaut (komplett 15 000 Euro), die wie eine Allegorie der US-Immobilienkrise wirkt. Zwei dutzend Mini-Einfamilienhäuser sind aus sperrholzverstärkten Teilansichten der amerikanischen Originale gezimmert. Wo Dächer waren, quillt echtes Berliner Unkraut hervor. Ende des Roadmovies. Taiyo Onorato und Nico Krebs planen gewiss schon die Fortsetzung.

Kunstagenten, Linienstraße. 155; bis 25.9., Mi - Sa 14 - 19 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar