Kultur : Galerie Le Manège: Hartes Leben am Rande der Zivilisation

Michael Nungesser

Umhertollende Kinder beim Ballspiel, das könnte eine Szene der Ausgelassenheit und Lebensfreude sein. Doch auf dem Foto von Gleice Mere, das für Einladungskarte und Schaufenster der Galerie genutzt wird, ist der Schauplatz in ein Meer aus Grau getaucht. Die Spielenden, nur durch ihre Gestik erkennbar, agieren als Silhouetten in einer Schattenwelt aus Staub, Nebel oder beidem; geisterhaft umgibt sie spärliche Vegetation, rechts am Rand schält sich ein Reiter aus dem Dämmerlicht. Die Aufnahme gehört zu einer Serie, die Gleice Mere dem Leben auf dem Land in Brasilien gewidmet hat. Die 1972 in der Hauptstadt Brasília geborene Fotografin, die bei Arno Fischer in Dortmund studierte, war viele Wochen mit dem Rucksack im Bundesstaat Piauí unterwegs und teilte mit den Menschen ihren Alltag.

Doch nicht das kleine Piauí, dessen äußerste Spitze sogar den Atlantik berührt, steht im Zentrum, sondern der sagenumwobene, um ein Vielfaches größere SertÄao. Allgemein bedeutet das Wort Landesinneres oder Wildnis, im besonderen aber das gesamte Hinterland im Norddosten Brasiliens, das sogenannte "Vieleck der Dürre" mit wüstenartigem, sandigem Boden, Dornbuschwäldern, Kakteen, sengender Hitze und kurzen zyklischen Regenperioden. Die Menschen, die dort in halbfeudalen Besitzverhältnissen leben, sind sozial desintegriert, arm und häufig Analphabeten, ohne ausreichende medizinische Betreuung. Es ist eine Abwanderungsregion, beherrscht von Einsamkeit, Leere und Gleichmut am Rande der Zivilisation.

Gleice Mere stellt in ihrer Serie "Schicksale des Nordostens" (je 800 Mark) einzelne Menschen und ihre Geschichten vor: Der Fischer und Krebsfänger Julinho Antônio Júlio mit seiner Frau (Bild oben, Foto: Galerie), die seit über zwanzig Jahren verheiratet sind und acht Kinder haben. Der 51jährige Mann hat Enkel, die fast so alt sind wie seine jüngste Tochter. Andere Bilder zeigen eine Mutter von sechs Kindern, die den Tag über Erde sammelt, um daraus Tontöpfe zu modellieren, einen zwölfjährige Wasserträger, der zum Lebensunterhalt der Familie beitragen muss oder den "Dorfblinden", der Hängematten flechtet und von sich sagt: "Ich bin blind, aber fleißig". Einige von ihnen sind politisch aktiv, doch an ihrem kargen Dasein ändert das wenig.

Gleice Meres Bilder zeigen ein hartes, auf das Nötigste reduziertes Leben, das ohne Abwechslung zäh dahinfließt. Ihre Fotos sind undramatisch, aber eindringlich. Man sieht einfache, stroh- oder ziegelgedeckte Hütten aus Lehm, die sparsam möbliert sind. An den unverputzten Wänden hängen Ahnenfotos, Engelsbilder und Kreuze, offene Kochstellen, ein paar Blechtöpfe. Und man sieht die Menschen bei der Arbeit, beim Kochen, Essen oder Ausruhen. Alles geschieht ohne Hast. Jeder ist bei sich, verschlossen und in sich ruhend. Die bloßen Fußballen, die auf einer Fotografie zu sehen sind, gehören einer Frau und sind so rissig geworden, wie die trockene Erde. Die Nähe des Todes ist hier selbstverständlich: aufgebahrt liegt der Leichnam im offenen Holzsarg zwischen den Hausbewohnern.

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