Kultur : Galerie Marianne Grob: Auf der Zeichenspur

Elfi Kreis

Kunst gehorcht eigenen Gesetzen. Dem Diktat der Rationalität lässt sie sich nicht unterordnen. Vor Eröffnung seiner Ausstellung "Zeitströme II" konnte man Jochen Stenschke eine Woche lang Tag um Tag, Stunden um Stunden in der Linienstraße emsig stricheln sehen. Unmittelbar auf der Galeriewand wuchs in meditativer Fleißarbeit aus kleinteiliger Binnengeometrie seine organisch geschwungene, nahezu raumfüllende Flächenform. Ein markantes Menetekel, das alles und nichts bedeuten kann: eine gewölbte Rundung, die sich zur Decke aufgebläst und aufplustert. Eine tropfenartige Form, die langsam wie zähflüssig zum Boden hinabsinkt. Oder eine vorläufige Spur für einen zeichnerischen Arbeitsprozess, der von Arbeits- und Lebenszeit kündet und doch nur eine vorrübergehende Zwischenstation markiert. Vor der nächsten Ausstellung in der Galerie Marianne Grob wird sie wieder übertüncht.

Spröde Poesie kennzeichnet Stenschkes Bildsprache. In ihr entdeckt man das leise verhallende Bildecho einer Wirklichkeit voller Widersprüche, die sich zu vielschichtigen Innenbildern überlagern. Organisches und Technoides, Objekthaftes, Abstraktes und ornamentale Geometrien, die zwischen archetypischen Grundmustern und Zukunftsvisionen gleichberechtigt miteinander verknüpft sind.

Unsentimental formuliert Stenschke bei seinen Tafelbildern elementare Erfahrungen menschlicher Existenz, in der das Gleichzeitige des Ungleichzeitigen und die Balance des scheinabar Gegensätzlichen die Hauptrollen spielen. Der vielfach chaotischen Struktur des Daseins ist er auf der fragmentarischen Zeichenspur. Offenheit und Weite überlagern sich mit der kokonhaften Abgeschlossenheit zeichenhafter Einzelzellen zu labyrinthisch verwobenen Linienlandschaften. Mit Graphit, Wachskreide und Buntstift zeichnet der in Berlin an der HdK mit einem Lehrauftrag betraute und in Bielefeld lebende Künstler auf Holz. Dicke Platten aus gelblichem, leicht milchigem PVC überlagern seine rätselhaften Symbolspuren und reduzierte Zeichen. Wie eine versiegelnde Kunststoffhaut liegen sie über den Zeichnungen, die dadurch noch vielschichtiger und plastisch verdichtet wirken. Sie erscheinen dem Betrachter entrückt, als traumverlorene, geheimnisvolle Ablagerungen einer soeben vollendeten Gegenwart. Malerische Komponenten setzt Stenschke bei seinen neusten Arbeiten im Grenzbereich von Bild und Bildobjekt nur noch zurückhaltend ein. Wenige Farbstreifen und Randzonen in Rot verlegt er auf die PVC-Oberfläche, in die er bisweilen mit dem Stecheisen zusätzlich reliefartige Linienstrukturen kerbt und schnitzt (5800 bis 16 000 Mark).

Organische Geometrie plus organische Chemie bilden bei kleinen Arbeiten auf Papier (2000 Mark) und großen auf Karton (6500 Mark) eine überraschend ästhetische Synthese. Stenschke entdeckte bei einer Fahrt auf der Autobahn ausgelaufenes Öl. Die Flecken mit ihrem schillernden Verlaufsmuster faszinierten ihn, und er begann mit Altöl zu experimentieren. Mittels diesem ungewöhnlichen Malmittel erzielt er kreisförmige oder auch kopfähnliche Fließformen. An den verlaufenden Rändern der dunklen Altölzonen zeigen sich filigrane, feinverästelte und aquarellartige Strukturen. Angebunden an Stenschkes spröde Linienführungen und reduzierte Zeichensprache, steht der Charakter des Materials im Kontrast zum ästhetischen Reiz seiner Kunst. Die von Marianne Grob vorgestellten Arbeiten werden im Lauf des Jahres - als Bestandteil weiterer Einzelausstellungen Stenschkes - noch in der Kunsthalle Trier, der Galerie der Stadt Sindelfingen, in Frankfurt und im Kunstmuseum Koblenz zu sehen sein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben