Kultur : Galerie Markus Richter: Segel setzen, treiben lassen

Katrin Bettina Müller

Wie die Vögel und die Wolken verbünden sich die Skulpturen von Colin Ardley mit der Luft und dem Raum. Die Flügel ausspannen, die Segel setzen, sich treiben lassen: Von all diesen Bewegungen erzählen die von ihrer Befestigung an der Wand weit in den Raum ausgreifenden Gebilde aus Holzrahmen und Papier. Dass sie im Werk des schottischen Künstlers die späten Nachfahren einer geometrisch geordneten Farbfeldmalerei sind, ahnt man zunächst nicht. Über den Weg der shaped canvases, die das Geviert des Bildes zugunsten unregelmäßig geformter Flächen aufgaben, wurde der Maler Colin Ardley zu einem Konstrukteur, der mit Flächen und Linien offene Räume umschreibt.

Wer Modellflugzeuge oder Architekturmodelle baut, müsste Ardley beneiden um diese filigrane Verschachtelung von Räumen und komplexe Organisation der Gerüste. Zweifellos geht dies nur, weil Ardleys Skulpturen über sich selbst hinaus nichts tragen oder stützen müssen. Auf den ersten Blick erinnern sie an die Serien von Modellstudien, mit denen in den Architekturwerkstätten von Günther Behnisch oder Renzo Piano die Suche nach neuen Raumwahrnehmungen allmählich in eine konkrete Form umgesetzt werden.

Doch Colin Ardley ist kein Dekonstruktivist, so gerne man sein Werk auch dort ansiedeln würde. Er arbeitet nicht aus der Opposition gegen den Werkcharakter der Kunst heraus noch um Konventionen unserer räumlichen Orientierung anzugreifen. Seine Werke lösen sich an den Rändern nicht in ihre Umwelt auf wie die malerisch organisierten Objekte von Jessica Stockholder (Tsp. 2. 12.) , sondern sie bleiben scharf umrissen. Das ist das Erstaunliche: Dass ihre fliegenden und schwingenden, gegeneinander gedrehten und hintereinander gestaffelten Flächen trotz aller Tendenz des Auseinandertreiben zuletzt doch in einem harmonischen Ausgleich gehalten werden.

Denn es ist noch immer das Auge des Malers, das die Flächen organisiert. Die Rahmen aus Holz sind mit verschiedenen Papieren bespannt, teils transparent und glatt, teils rau und samtig, manchmal geriffelt, oft in gedeckten grünen, grauen und blauen Farbtönen. Einen Teil der Papiere hat Ardley selbst von Hand geschöpft. Durch die unterschiedlichen Neigungen und Oberflächenstrukturen fächert Ardley ein weites Spektrum der Reaktionen zwischen Farben, Licht und Schatten auf. Schrittweise verlassen die Bildsplitter die wandparallele Ebene.

All dieses Drehen, Verschieben und Verzerren der Flächen könnte zu einer bloß technischen Spielerei werden, einer mathematisch kalkulierbaren Testreihe. Doch obwohl Ardleys Gebilde auch an gigantische Raumstationen erinnern, die mit aufgefalteten Sonnensegeln durch die Unendlichkeit treiben, liegt ihnen technoide Coolness fern. Die handgeschöpften Papiere und die Holzzapfen, die jeden Winkel zusammenhalten, sprechen vielmehr für Langsamkeit und Intensität der Wahrnehmung. Nicht nur der Raum, auch die Zeit wird in ihren Winkeln und Schächten zusammengefaltet und darin gespeichert. Hier ist kein Element genormt, keine Fertigteile sind eingebaut. Jedes Element wurde genau für diese Stelle im vielfältigen Gefüge geschaffen; das macht die Verstrebungen und Bündelungen, die großen Spannungsbögen und die kleinteilige Auflösung so anrührend.

Dieses so luftige Werk wäre einmal fast dem Wasser zum Opfer gefallen: 1990 zerstörte ein Hochwasser des Flusses Mersey, an dem Ardleys Atelier lag, einen großen Teil der Arbeiten und des Papiervorrates. Seit 1992 lebt Ardley in Hellerau bei Dresden, und dort hat der junge Galerist Markus Richter den stillen Künstler kennen gelernt. Die Ausstellung in der Berliner Galerie zeigt große Arbeiten der letzten Jahre und lässt daneben in einem Katalog den Weg von den Leinwandbildern Ardleys über seine Collagen bis zu den Skulpturen über 25 Jahre verfolgen.

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