Kultur : Galerie PICTUREshow: Zwischen Jimi Hendrix und Andy Warhol

Michaela Nolte

Doch ohne Mythen um seine Person scheint Jean-Michel Basquiat auch 23 Jahre nach seinem frühen Drogentod nicht bestehen zu können. So wird der Besucher in der Ausstellung "Hits on Paper" von den Christopher-Makos-Fotos "Jean-Michel Basquiat at the Factory" (8500 Mark) und "Andy Warhol - Stand up Portrait" (12 500 Mark) empfangen. Von Stephen Torton, dem Assistenten Basquiats, stammt der auf einen Quadratmeter aufgeblasene Kontaktbogen, der Basquiat mit keiner geringeren als Madonna zeigt (1400 Mark). Eine schöne Ausnahme bilden Tortons Videostills "One Day on Crosby Street" (9000 Mark). Die 30-teilige Serie zeigt Basquiat in seinem Element: malend und mit dem Rücken zur Kamera, seine kryptischen Zeichen und Schriftzüge verdeckend, als verweigere er jegliche Déchiffrierung. Der kompakte, geschmackvoll gestaltete Katalog, der in der Galerie PICTUREshow neudeutsch "People-Magazin" heißt, fokussiert auf ein Neues die Metamorphose vom Underdog zum Superstar, vom Straßenmaler zum Malergenie. An die Stelle einer kunstkritischen Würdigung tritt ein Zitatenschatz von David Bowie bis Leonardo di Caprio, der Aufstieg und Fall des Malers in den Kontext des internationalen Showbiz rückt.

Basquiat bleibt der Exot, den New Yorks Kunstszene Anfang der achtziger Jahre entdeckte und dessen Mythos der 1960 in Brooklyn geborene Sohn einer Puertoricanerin und eines Haitianers gelegentlich selbst lancierte. Wie ein kindliches Selbstporträt mutet "Tar.c." von 1982 an. Auf dem Zenit seines Erfolgs malt Basquiat einen anthropomorphen Teer-Wagen, wütender Drache und zugleich kleiner Prinz, der ein Gitter überrollt und es doch nur partiell aufbrechen kann. Die im Werk Basquiats stets wieder auftauchenden Motive Copyright, Tar (Teer) und Krone verdichten sich zur Kehrseite des Ruhms, zum Symbol von Gefangenschaft und Außenseitertum. Die Herkunft aus der Subkultur, die Unmittelbarkeit des Autodidakten, der als talentierter Schwarzer eine echte Marktlücke im weiß dominierten Kunstmarkt füllte, wird zur ebenso schlichten wie anrührenden Ambivalenz. Die Wildheit der "SAMO"-Graffitis, die Basquiat ab 1979, nach dem Bruch mit seinem Sprayer-Freund Al Diaz, nahtlos in eine eklektizistische, wütende Malerei übertrug, klärt sich im zeichnerischen Werk bisweilen zu durchaus analytischem Charakter. Zwei "Pillars of Salt" betitelte Filzstift-Variationen und das mit Ölkreide gezeichnete "Peligro" (Gefahr) verweisen im linear strukturierten Aufbau auf ein fragiles Gleichgewicht zwischen Kalkül und Emotion. Während die barocke Überfülle seiner Leinwände den Zeitgeist der siebziger Jahre im Stil der Art brut spiegelt, sezieren die spontanen Exzerpte auf Papier ihre motivischen Bestandteile. Zitate afrikanischer Stammeskunst, Anleihen bei Expressionisten und Picasso stehen neben skripturalen Elementen à la Cy Twombly und den Tags der Graffiti-Sprayer.

Trotz ihres energetischen Potenzials zeigen einige der frühen Arbeiten durchaus Schwachstellen. Erst im Zusammenwirken der Zeichnungen und in der gedanklichen Überlagerung entfalten die ungelenken Striche, die plötzlich abbrechenden Wortspiele und Motive ihre reizvolle Kraft. Blätter wie ein Unbetiteltes mit fünf maskierten Western-Helden erscheinen dagegen von kühnem Mut; doch weniger künstlerische als vielmehr marktstrategische Courage zählt hier. Das sparsame Zorro-Quintett, das recht haltlos aus dem unteren Bilddrittel flieht, markiert mit 65 000 Mark die untere Preisgrenze der zweiundzwanzig Exponate aus den Jahren 1977 bis 1982. Nur knapp die Hälfte von ihnen ist käuflich zu erwerben. Zu ihrer Entstehungszeit bot Basquiat derartige Zeichnungen und seine Postkartenbilder für einige Dollar feil; heute soll das etwa DIN-A4-große "Stoned on SAMO" 110 000 Mark einbringen. Angesiedelt zwischen konventioneller Comic- und Gothic-Sprache zeigt die selbstbezügliche Tusche von 1978 ein anatomisches Konterfei des Künstlers - hautlos und von verletzlicher Offenheit.

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