Kultur : Galerie "refugium": Blühende Papierlandschaften

Thea Herold

In aller Ruhe, aber mit Tempo hat Frank Maibier "Neuner" gerollt: Röhren, die sich in alle Richtungen zunächst zu einer Art Papierstern verkreuzen liessen. Danach setzte der Chemnitzer Künstler diese Module zusammen zu stabilen Clustern von je neun Rollen, und es wuchs aus zehntausend unbeschriebenen A4-Papier-Blättern eine sagenhafte Skulptur. Wunderschön - das müsste man noch sagen dürfen, käme man damit nicht sofort in kunstkritische Bredouille. Ein filigranes und zerbrechliches Gebilde wie ein Kristall oder eine Schneeflocke, das nicht nur Papierfetischisten reizt und dennoch unverkäuflich ist - denn nach Ausstellungsschluss rollt der Künstler das fragile Papierkunststück zusammen. Und dann ist der ganze Zauber - dahin. Aber ist er das wirklich? Das Echo dieser "Lichten Fülle" bleibt hoffentlich hängen. Es gehört dann mit in das Berliner Zimmer hinter den beiden einzigen Balkons linkerhand in der Auguststraße, wo der Galerist Bernd Heise seine Ausstellungen macht. Zwei Treppen muss man nach oben steigen, aber dafür wartet jedesmal eine kleine Überraschung, mit der er den Raum zur vollen Blüte bringt.

Bernd Heise - als Galerist in Berlin seit 1997 und schon seit zehn Jahren im mecklenburgischen Neustrelitz zu verorten - gönnte sich Anfang des Jahres eine Jubileumsausstellung, die das Konzept der Galerie noch einmal deutlich unterstrich. Formal höchst anspruchsvollen Handschriften bietet er im "refugium" ein Dach. Dem Original ist er zugeneigt, dem störrischen Eigenbrödler, für den sich in der klassischen Moderne durchaus ein Referenzsystem findet. Wobei der Galerist in seinem Programm nach einer ausgewogenen Mischung sucht: Nach dieser schwierigen Balance zwischen dem abgeschlossenen Oeuvre gestandener Positionen und dem suchend, drängend, zeitgenössischen Schaffen - vorzugsweise im Osten den Landes. Neben der Pflege des Werkes von Altmeistern wie Herrmann Glöckner oder Albert Wigand, Hassebrauck oder Jüchser kümmert sich Heise mit sanftem Ungestüm um die heutigen Prozesse und begleitet auch das Werk von Thomas Knoth, Mark Lammert, Frank Maasdorf, Jürgen Schön und übernimmt dabei nicht ungern die Rolle eines sensiblen Zeitgenossen jenseits der Mode.

Bewandert in den gediegenen Relationen zwischen Maß und Material, zwischen Stofflichkeit und geistigem Zuschnitt fühlt Heise schicker Effekthascherei gnadenlos auf den Zahn und verweigert ihr den Zutritt in seine Innenwelt. Darin ist er stur. Anfangs träumte er selbst vom Galeristenleben fast wie von einer Klausur. Wünschte sich, über genau jene künstlerischen Positionen zu verhandeln, die ihm selbst als Sammler wichtig waren: "Aber wenn sich ein Kunstliebhaber, der selber sammelt, irgendwann als Galerist versucht, ist das eigentlich so, als hättest du einen Alkoholiker hinter den Tresen gestellt." Natürlich wurde der Alltag etwas anders und Heise stellt heute fest: "Irgendwann ist dir dann klar, dass all die schönen Gründe, warum man ja eigentlich Galerist werden will, vielleicht mal ein Drittel der ganzen Arbeit ausmachen." So ist er bis heute sein eigener Sekretär, Bote, Pressemensch und Verleger. "Aber ich finde es auch gut, wenn man in seinem Leben immer mal Sachen versucht, die man eigentlich nicht kann." Gepflegtes Tiefstapeln gehört bei Heise zum Geschäft, "Man müht sich" sagt er lächelnd. Denn längst ist Heise ein Profi in der Branche und die Geschäfte laufen gut. Aber so glatt lief es auch bei ihm nicht immer. Ein Ausflug nach Rostock, wohin es Heises Ambitionen für vierzehn Monate mit einer Galerie-Dependence getrieben hatte, wurde klipp und klar als erfolglos beendet. Im Januar danach stand er in Berlin. Nachts um halb drei hat er sich auf kollegialen Rat hin in der Auguststraße eine Telefonnummer notiert und am Tag danach seine ersten Räume angemietet. Zuspruch und Skepsis hielten sich damals die Waage. Aber das "refugium" hat seine Liebhaber gefunden, auch nach dem Umzug in den oberen Stock. Nicht ohne Grund - wenn auch nicht ohne Kampf - ist Heise nun schon seit neun Jahren auf der "art cologne" im Rheinland dabei. Berlin selbst ist beim Erkennen der Kunst-Qualitäten ostdeutscher Provenienz bis heute noch viel zu verschnarcht.

Aber einen Künstler wie Frank Maibier kümmert das gar nicht und seinen Galeristen allenfalls ein wenig. Im letzten Jahr stellte Maibier in der "galerie für gegenwärtige Kunst" in Neustrelitz aus und nannte die raumbezogene Installation einfach "zwischen". Die ganze Alte Kachelofenfabrik wurde von seinen fragilen Papierstücken geradezu aus den Angeln gehoben. Und Heise, der das Programm der Neustrelitzer Adresse von Berlin aus bestreitet, tat gut daran, dieses temporäre Papierwunder fotografisch zu dokumentieren. "pars pro toto" heißt nun der jüngste Katalog aus der wie immer zahlenmäßig begrenzten "edition refugium" mit einem kongenialen Text von Tilo Richter. Wer neugierig ist, sollte sich beeilen.

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