Galerie Upstairs : Locken aus Acryl

Unheimlich plastisch: Die Galerie Upstairs zeigt Arbeiten junger Bildhauer.

jens Hinrichsen

Schläft sie? Ist die Dame unter der Flut ihrer schwarzen Haare erstickt? Die Oberfläche von Simon Schuberts Skulptur „Die Liegende“ besteht aus einem Meer Kunsthaar, das sanft kräuselnd die weiblichen Körperformen umspielt und dann in langen Fransen vom Sockel herabfließt. Ist Rapunzel auf Schneewittchens Sarg ins Koma gefallen? Märchen und Mythen ruft die bewachsene Schöne in der Galerie Upstairs wach, doch der Künstler zielt auf Irritation statt Illustration. In seinen Objekten schläft ein Sinn, den man kaum zu fassen bekommt.

Schubert glänzte zuletzt mit seiner streng in Schwarz-Weiß gehaltenen Einzelschau bei Upstairs. Nun reihen sich zwei seiner Skulpturen und ein Auflagenobjekt in die Gruppenausstellung „Abstrakt bis Figurativ. Neue Deutsche Skulptur“ ein. Das Galeristenpaar Harriet Häußler und Aeneas Bastian will mit der Sommerausstellung auf das Entwicklungspotenzial plastischen Schaffens hinweisen (Preise von 400 bis 102 000 Euro). „Vor allem im Ausland ist immer bloß vom ,German Painting’ die Rede“, klagt Harriet Häußler und benennt damit einen Rezeptionstrend, bei dem viele interessante Bildhauerpositionen übersehen werden. Seit Jahren trommelt auch ihr Kollege Gerd Harry Lybke von Eigen + Art für die Skulptur aus deutschen Ateliers, doch der Boom blieb bisher aus.

Sechs Künstler – zwischen 1962 und 1976 geboren – sind an der Bestandsaufnahme beteiligt, darunter vier Gäste. Neben Simon Schubert wird nur Veronika Veit von der Galerie vertreten. Hier repräsentiert die Münchnerin die figurative Seite des Spektrums, ohne mit ihren auf einen Meter Körperhöhe geschrumpften, aus Kunststoff geschnitzten Gestalten Hyperrealismus à la Ron Mueck anzustreben. Ihre drei Figuren erscheinen durch Kleidung und Pose „aus dem Leben gegriffen“, zugleich zieht Veits Schnitztechnik eine Verbindungslinie zur uralten Tradition der Holzbildhauerei. Doch die Künstlerin dehnt ihren Skulpturbegriff auch ins Virtuelle aus. Ihr cooler „Taschenträger“ trägt in Wirklichkeit einen kleinen Monitor, auf dem ein gefilmter Hund hechelt. „Loop“ wäre wohl ein passender Name für den treuen Begleiter in der Endlosschleife. Ansonsten bleibt die Schau beim mehr oder weniger klassischen Objekt, das Marc Wellmann bei seiner „Skulptur heute!“-Ausstellung im Georg-Kolbe-Museum mit den Stichworten des „Haptischen, Konkreten, Abgeschlossenen und Beständigen“ umrissen hat. Jonathan Meese demonstriert nun mit seiner Bronzeplastik „Das Großmütterchen im Kettenhemd (das Erzreich ist ihr Schnuller, wie Kapitän Fritz)“, dass die ehemals martialische Ausstrahlung des Materials durch einen breiigen Fluss der Formen und Zeichen konterkariert werden kann.

Holz ist das wohl beliebteste und flexibelste Material für Bildhauer. So schichtet Karsten Konrad gestreifte Module aus Spanplatte zusammen und verkettet sie zu einer „Chaingang (colored white)“, die an Constantin Brancusis „Unendliche Säule“ erinnert. Weniger architektonisch denn biomorph wirken Wolfgang Flads luftig-hochgeschossene Gewächse aus Holz und Pappmaché. Seine 245 Zentimeter hohe Skulptur „Celaeno“ beweist sein herausragendes formales Gespür. Einerseits wird die Figur als umgrenzter Körper wahrgenommen, andererseits fasziniert sie durch das Spiel mit ausgedehnten Negativräumen.

Am Ende des Parcours stehen sich Flads Stücke und Berta Fischers Acrylglasarbeiten im Weg. Gerade die abstrakten, mit dem Umraum kommunizierenden Skulpturen leiden an Platznot in der üppig bestückten Schau. Berta Fischer überzeugt dennoch mit drei ihrer aus je einem planen Stück Acryl geschnittenen und geformten, sich in den Raum wölbenden oder sich wie Brennstablocken zum Betrachter hin schraubenden Wandskulpturen. Flachware wird auf einmal aufregend plastisch. Und davon möchte man in Zukunft tatsächlich mehr sehen.

upstairs berlin, Zimmerstraße 90/91, Aufgang A, bis 8. 8.; Mi–Sa 11–18 Uhr.

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