Galerie Wentrup : Timm Ulrichs ist immer zu früh dran

Die Galerie Wentrup zeigt eine kleine Auswahl aus dem unüberschaubaren Werk von Timm Ulrichs. Kunst und Leben sind bei Ulrichs leidenschaftlich und untrennbar miteinander verbunden.

Matthias Reichelt

Es ist wie verhext. Immer hat er die Nase vorne, hat schon alles erdacht und gemacht, mit jeder Technik gearbeitet, alle Stile zitiert und ironisch gebrochen – doch der ihm gebührende Platz in der Oberliga wird ihm verweigert. So sieht es Timm Ulrichs, der seit über fünf Jahrzehnten ein unüberschaubares Werk produziert hat, aus dem die Galerie Wentrup nun eine kleine Auswahl zeigt. Ulrichs stellt humorvoll und intelligent die philosophisch wie kunsthistorisch wichtige Frage nach Wahrheit und Dichtung respektive Original und Replik. Literarisch und cineastisch bestens gebildet, zitiert er im Titel der Ausstellung schon mal Federico Fellinis Meisterwerk „8 ½“ von 1962, in dem die Sinn- und Schaffenskrise eines Regisseurs surreal und vielschichtig thematisiert wird.

Zentral auf dem Boden der Galerie liegt die Arbeit „Wachsender Stein“ (2008), die aus einem Quarzstein und sechs gleichförmigen, aber unterschiedlich großen Bronzeabgüssen besteht und den Besucher vor das Rätsel von Urgestein und Nachbildungen stellt. In der Arbeit „Rekonstruktionen“ (1988) nimmt Ulrichs Bezug auf den archäologischen Arbeitsprozess: Jede der 16 Scherben eines industriell hergestellten, zerbrochenen Blumentopfs aus Ton wurde zur Rekonstruktion eines neuen Exemplars verwandt.

Der 74-jährige Künstler, der nach eigener Aussage noch einen ganzen Koffer voll unrealisierter Ideen hat, hadert weniger mit sich als mit der zeitlichen Begrenzung des Lebens, aber vor allem mit dem Kunstbetrieb, der gerne die Kopie adelt und das Original im Schatten lässt. Ulrichs ist der lebende Beweis dafür, dass Qualität und Markt nicht Hand in Hand gehen. Seine Vielfältigkeit in Werk und Material wirkt sich hemmend auf die Rezeption aus, denn der Betrieb setzt auf Wiedererkennbarkeit. Ulrichs’ Arbeit taugt deshalb nicht zur Marke, die Imagetransfer verheißt. Umso bemerkenswerter ist es, dass sich die Galerie Wentrup, die kürzlich ihr zehnjähriges Bestehen feierte, seit nunmehr fünf Jahren für diesen nicht so marktgängigen Künstler engagiert (Preise auf Anfrage).

Der Kopie frönen und das Original ignorieren

Kunst und Leben sind bei Ulrichs leidenschaftlich und untrennbar miteinander verbunden. Bereits 1965 definierte er sich als „erstes lebendes Kunstwerk“, ließ sich die eigene Signatur tätowieren und machte auch sein eigenes Ableben zum Thema. Wenn er nicht in eigener Sache unterwegs ist, schaut er sich die Ausstellungen von Künstlerkollegen an, um fundiert zu loben oder zu tadeln. Diplomatische Nonchalance gehört nicht unbedingt zu seinem Kodex. Stattdessen redet er immer wieder gern über abkupfernde Kolleginnen und Kollegen oder beschwert sich bei Kuratoren, Institutionen und Journalisten über deren Unkenntnis, da sie der Kopie frönten und das Original ignorierten. Als der Romancier und Künstler Thomas Kapielski zusammen mit Hanns Zischler erwog, einen Text von einer Sprache in die andere und schließlich wieder in die Ursprungssprache zurückübersetzen zu lassen, mussten sie feststellen, dass Ulrichs diese Aktion bereits 1968 skizziert und 1974 realisiert hatte.

Ebenfalls bei Wentrup zu sehen ist die Arbeit „Der dehnbare Begriff“ aus den sechziger Jahren. In einem Objektrahmen hängen neben einem 20 Zentimeter langen Lineal der Marke Aristo von 1952 dessen fotografische Kopie sowie Verkleinerungen und Vergrößerungen des Maßstabs. Der Titel der neuen Arbeit „Das große Glas“ (2014) ist eine Referenz an Marcel Duchamps gleichnamiges Werk. Die geborstenen Glasscheiben in zwei Metallrahmen werden mittels sogenannter Exiter zu Resonanzkörpern des aufgezeichneten Tons ihrer eigenen Zerstörung. Damit schließt sich ein Kreis, aus Ton und Bild der Dekonstruktion wird ein neues Werk. Ein Gruß an die Destruction Art.
Galerie Wentrup, Tempelhofer Ufer 22; bis 18. 10., Di–Sa 11–18 Uhr

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