Galerieausstellung Herbert Volkmann : Obst und Drogen

Die junge Galerie Sexauer feiert den Berliner Maler Herbert Volkmann. Nach diversen Abstürzen ist der Künstler, Sammler und frühere Obsthändler wieder obenauf.

Marcus Woeller
Verbrüderung der Prominenz. „Fra Fra Dea Sinatrini“ hat Volkmann seine Gemälde von 2012 genannt.
Verbrüderung der Prominenz. „Fra Fra Dea Sinatrini“ hat Volkmann seine Gemälde von 2012 genannt.Foto: Galerie Sexauer

Nach Jahren der Rauschgiftabhängigkeit und zwei Herzoperationen scheint Herbert Volkmann mit exakt sechzig Jahren wieder auf dem Damm zu sein. Künstlerisch allemal. Die Malhand ist zu alter Virtuosität erstarkt. Doch seinen Motiven ist die emotionale Affinität zur Droge und vor allem ihren Konsumenten anzumerken. Im Gegensatz zu Amy Winhouse, die auf mehreren Bildern in der jungen Galerie Sexauer zu sehen ist, konnte Volkmann dem Tod aber noch einmal ein Schnippchen schlagen.

Die britische Soulsängerin Amy Winehouse gehört zu jenen hochbegabten Künstlern, die das heikle 28. Lebensjahr nicht vollenden konnten. Auf dem Gemälde „Hier Madame Sun-Fire ISS!“, das sie während eines Auftritts zeigt, ist der Todesbote in Gestalt eines Insekts schon im Anflug. Ein Falter löst sich aus der pastosen Farbe, als künde er von Amys nahem Schicksal. Auf „Desasterdance in Snakeparadise“ umarmt sie Pete Doherty, Ex-Freund von Kate Moss, Leadsänger erst von The Libertines, dann von den Babyshambles und schon mehrfach totgesagt. Hier sind es Schlangen, die in realistischer Bedrohlichkeit das Künstlerpaar umschmiegen. Eine Kobra hat sich bereits zum tödlichen Biss aufgerichtet.

Volkmann malt mit einer Vehemenz, die in der Kunstgeschichte Vorbilder im Berliner Impressionismus hat. Lovis Corinth war so ein Maler-Haudrauf, oder Max Liebermann, wenn auch mit eleganterer Erscheinung. Der Fruchtgroßhändlersohn Volkmann wurde 1954 in Berlin geboren, studierte Malerei, schloss 1978 ab. Dann kehrte er der Kunstausübung für zwanzig Jahre den Rücken, um in den Familienbetrieb einzusteigen.

Injektionsnadeln, in Ölfarbe gepiekst

Mit dem Obstverkauf zu Wohlstand gekommen, begann er Kunst zu sammeln, darunter Werke von Matthew Barney, Raymond Pettibon, Sarah Lucas und Damien Hirst, dazu Gemälde der jungen Generation deutscher Maler wie Franz Ackermann, Daniel Richter oder Jonathan Meese, mit dem ihn eine lange Freundschaft verbindet. 1999 ging der Großhandel in die Insolvenz, und Volkmann musste seine Sammlung versteigern lassen. Er verlor sich immer mehr in der Sucht, begann aber, unterstützt von Meese, wieder zu malen.

Die Momente des Kontrollverlusts sind in seinen Bildern spürbar. Mal sind es drastisch in Ölfarbhäufchen gepiekste Injektionsnadeln, mal abstrakte Schlieren oder Farbkleckse, die die figurativen Kompositionen stören. Volkmann will sich selbst in die Bilder einbringen und die Motive verunklaren, manchmal sogar in persona wie in einer Straßenszene, wo er sich in einer Limousine spiegelt. Hinter den Fenstern sitzen zwei weitere Referenten des Volkmann’schen Prominentenkosmos: Prince Charles und Camilla, Duchess of Cornwall, verborgen hinter Reflexionen. Wie in überlagerten Erinnerungsbildern lassen sich die Spiegelungsebenen kaum voneinander trennen. Klarer wird es im Partnerbild „Charles und Camilla I“, gemeinsam sind es die jüngsten, erst im Januar vollendeten Werke von Volkmann in der Ausstellung. Hier vermischen sich nicht nur die Bild-, sondern auch Realitätsebenen, denn im Hintergrund fahren Prinzessin Diana und Dodi Al-Fayed vorbei und starren ahnungsvoll ins Leere, während sich Dianas Ex-Gatte und dessen Geliebte aus der Schusslinie des Betrachters zu bringen versuchen.

Die Szene erinnert an „Swinging London 67“, jenes legendäre, auf einem Schnappschuss basierende Bild des britischen Pop-Artisten Richard Hamilton, das Mick Jagger und den Kunsthändler Robert Fraser zeigt, wie sie sich nach der Verhaftung wegen Drogenbesitzes in einem Polizeiauto vor den Pressefotografen schützen. Auch Volkmann greift auf Pressebilder zurück und verfremdet sie in seinem Gemälden und Collagen zu mehr oder minder surrealen Szenen. Mit Rückgriff auf die eigene Rauscherfahrung öffnet er eine künstlerische Dimension der Realität, die in ihrer stofflichen Eindringlichkeit nur der Malerei gelingt.
Galerie Sexauer, Streustr. 90; bis 17. April, Di–Fr 15–20 Uhr, Sa 13–18 Uhr

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