Galerien : Am Glastisch

Das Wiener Dorotheum und die Gagosian Gallery gründen Filialen in Rom.

Claudia Herstatt

Rom zehrt von seinem Ruf als „ewige Stadt“. Damit wird die italienische Metropole wohl auch weiterhin gut leben können. Aber hinter der einen oder anderen klassischen Fassade richtet sich zunehmend ein zeitgenössischer Geist ein. So weiß man an der Hotelrezeption auf Anhieb den Weg zur neuen Filiale der New Yorker Gagosian Gallery unweit der Spanischen Treppe. Hinter imposanten Glastüren zeigt die Galerie in einem makellos hergerichteten White Cube zeitgenössische Kunst, die in Rom immer noch Mangelware ist.

Wenn sich ein gewiefter Galerist und Geschäftsmann wie Larry Gagosian in Rom ansiedelt, dann verspricht er sich etwas davon – neue Kunden, Kontakte, Geschäfte. Und an Prominenz mangelte es während der Vernissagen nicht, allen voran der römische Bürgermeister, der sonst selten in Galerien auftritt. Von den römischen Kollegen Massimo Di Carlo und Fabio Sargentini wird das Engagement Gagosians weniger als kulturelles Statement denn als Kalkül gewertet. Im Gegensatz zur amerikanischen Kunst sind Arte Povera, Transavanguardia und Movimento Spaciale noch stark unterbewertet. Da gilt es einiges aufzuholen.

Frischen Wind versuchte auch die Messe „Roma. Road to Contemporary Art“ mit ihrer zweiten Ausgabe in die Prachträume mehrerer Palazzi zu bringen. Internationale Resonanz kann sie im Gegensatz zur Erstausgabe 2008 jedoch kaum verbuchen. Als einziger deutscher Galerist nahm Mario Mazzoli aus Berlin teil. „Etwa fünf Prozent der Besucher“, so sagt er, „waren Ausländer und davon nur wenige Sammler. Die Verkäufe gestalteten sich schwierig, das römische Publikum ist doch sehr konservativ. Finanziell war alles sehr aufwendig, aber immerhin haben wir ein paar gute Kontakte geknüpft.“ Mit dabei waren 60 zumeist italienische Galerien, darunter die international operierende Lia Rumma (Neapel/Mailand), Tucci Russo aus Turin und Magazzino als einzige römische Galerie, die man auch auf der Art Basel trifft. Der Gründungsdirektor der erfolgreichen Turiner Kunstmesse Artissima, Roberto Casiraghi, hatte um die auf drei Paläste verteilte Messe mit zeitgenössischen und jungen Kunstpositionen ein überbordendes Kulturprogramm gruppiert.

Wie gut sich hinter historischen Fassaden modernes Management einbringen kann, beweist auch das Wiener Auktionshaus Dorotheum. Seit März erlaubt es sich ein Standbein in der italienischen Capitale. Und auch kommen wie bei Gagosian die Impulse von außen. Das von Kaiser Joseph I. vor 300 Jahren gegründete Pfandhaus mit inzwischen zwölf Filialen von Düsseldorf bis Zagreb gibt sich seit seiner Privatisierung 2001 erfrischend jung – auch wenn es traditionell Altmeistergemälde, Schmuck, Kunsthandwerk und demnächst Immobilien versteigert.

Wo andere Häuser Mitarbeiter entlassen und Büros schließen, geht Geschäftsführer Martin Böhm in die Offensive. Ins Boot geholt hat er sich die in Rom gut vernetzte und in Mailand lehrende Kunsthistorikerin Maria Cristina Paoluzzi. Die gewandte „Dottoressa“ stellte den Kontakt für das neue Domizil des Dorotheums her: Es befindet sich im Erdgeschoss des prächtigen Palazzo Colonna. In den privaten Gemächern der adligen Familie stößt man auf eine der größten italienischen Privatsammlungen mit Altmeistergemälden.

Die klassische Umgebung fordert die im Aufbau befindliche Abteilung zeitgenössischer Kunst des Dorotheums geradezu heraus. Die Präsentation für die (sehr erfolgreiche) erste Auktionswoche Anfang April bot nicht nur Gemälde des 19. Jahrhunderts und Alte Meister. Mittendrin stand ein Glastisch des Österreichers Peter Kogler. Der Tisch wird am 14. Mai in Wien versteigert, ebenso wie der Prototyp „S-Chair“ (1988) von Tom Dixon, geschätzt auf maximal 15 000 Euro, und eine von Zaha Hadid entworfene geschwungene Schale aus Acryl von 2007, die 32 000 Euro bringen könnte.

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