Galerien Carlier Gebauer und Max Hetzler : Landkarten des Lebens

Kunst und Markt: Die Galerien Carlier Gebauer und Max Hetzler setzen die jungen künstlerischen Positionen von Raphaela Simon, Jeremy DePrez und Jelena Bulajic.

Jens Müller
Hingucker. Das Gemälde „Stevan“ (2016) von Jelena Bulajic in der Galerie Carlier Gebauer misst monumentale 350 x 270 Zentimeter.
Hingucker. Das Gemälde „Stevan“ (2016) von Jelena Bulajic in der Galerie Carlier Gebauer misst monumentale 350 x 270 Zentimeter.Foto: Carlier Gebauer

Wenn die Berliner Galerien Ende April zum Gallery Weekend ganz auf ihre Blue Chips setzen, dann ist in den Wochen vorher Zeit zum Ausprobieren. Zeit für erste Einzelausstellungen junger, noch nicht so etablierter Künstler, die neu im Portfolio sind. Die sich gleichwohl an den alten Fragen nach Gegenständlichkeit und Abstraktion abarbeiten, wie Künstlergenerationen vor ihnen.

Zu Letzterer gehört Karl Gerstner, dessen Tod Anfang 2017 von den Feuilletons weitgehend unbeachtet blieb. Lag es daran, dass seine Pioniertaten auf den Gebieten der Typografie, des Designs und der Werbung bereits Jahrzehnte zurückliegen und er als bildender Künstler, der fortan sein zu wollen er sich leisten konnte, nie für ganz so relevant gehalten wurde? In einem seiner Bücher erklärt Gerstner den Unterschied zwischen „gegenständlich“ und „abstrakt“. Er zeigt drei identisch aussehende Bilder eines dicken roten Punktes auf blauem Grund. Jedoch: „Das erste ist ein fotografisch genaues Abbild. Nämlich der Sonne, bevor sie bei Capri im Meer versinkt. Das zweite Bild stellt eine reife Tomate auf blauem Grund dar. Der Künstler hat sich aufs Wesentliche konzentriert – auf Farbe und Form der Tomate –, hat alles andere weggelassen, abstrahiert. Das dritte Bild ist ohne Vorbild entstanden. Der Künstler hat sich vorgestellt, was er malen wollte, nämlich einen roten Punkt auf blauem Grund, ganz konkret.“ Man muss wissen: Gerstner selbst rechnete sein mathematisch-virtuoses, systematisch-verspieltes Werk der konkreten Kunst zu. Den Konkreten waren die Abstrakten noch zu gegenstandsfixiert.

Malerei ist nichts anderes als Konzeptkunst

Lektion gelernt, nämlich dass der bloße Anblick nicht offenbart, wie gegenständlich, abstrakt oder, in Gottes Namen, konkret ein Gemälde ist. Oder anders gesagt: Malerei ist auch nichts anderes als Konzeptkunst. Das ist für das Verständnis und Selbstverständnis jener drei jungen Künstler wichtig, die sich derzeit mit ihren ersten Einzelausstellungen in den Galerien Max Hetzler und Carlier Gebauer ausprobieren. Raphaela Simon hat bei Peter Doig in Düsseldorf studiert, was man ihren Bildern (Preise: 10 000–15 000 Euro) nicht unbedingt ansieht. Sie haben Titel wie „Waschmaschine“, „Föhn“ oder „Staubsauger“. „Staubsauger“ heißt auch die Ausstellung. Die Titel erschließen sich dem Betrachter sofort. Simons bevorzugte Farbe ist Pastellblau, gerne in Kombination mit Weiß und Schwarz. Allein das sattrote „Teppichgeschäft“ und „Ultramarin“ weichen von dem Schema ab. Es gibt keine Perspektive, keine dritte Dimension – fast nur (dicke) Linien und Flächen, einmal Punkte.

Gerstner würde vielleicht annehmen, die Künstlerin habe sich aufs Wesentliche konzentriert, abstrahiert. Hat sie nicht. Raphaela Simon weiß, wenn sie mit einem Bild anfängt, noch gar nichts vom Wesentlichen – im Sinne eines titelgebenden Gegenstandes. Den Gegenstand assoziiert sie erst später. Er schält sich gewissermaßen heraus, entsteht prozessual, möglicherweise nach etlichen Übermalungen. Die Übermalungen sind erahnbar da, wo man die Leinwand auch einfach für nachlässig grundiert halten könnte. Von wegen – der Pressetext spricht von einer „Art Palimpsest“.

Schon Skulptur oder noch Malerei?

Der in Portland geborene, in Houston lebende, jetzt und hier erstmals in Europa ausstellende Jeremy DePrez hingegen weiß, wenn er eine Arbeit (Preise: 11 000–25 000 US-Dollar) beginnt, sehr genau, von welchem Gegenstand, von welchem Alltagsobjekt aus seiner direkten Umgebung er ausgeht. Was wiederum nicht heißt, dass auch der Betrachter es den Werken immer so ansieht wie im Falle von „The Mound“. Etwa im Stil eines Claes Oldenburg hat DePrez ein Stück schwarze Massageseife (mit großen runden Noppen) unter Zuhilfenahme von Acryl, Modellierpaste, Wachs, Styropor, Leinwand und „nova gel“ auf beeindruckende Maße aufgeblasen, Schaumreste inklusive. Es hängt an der Wand wie ein Gemälde – aber ist das jetzt noch Malerei oder schon Skulptur?

Bei anderen Arbeiten scheint die Antwort leichter, arbeitet DePrez dann doch überwiegend in Acryl und Gouache auf Leinwand. Die Bilder sind immer noch um die fünf Zentimeter tief und an den – stets ebenfalls bemalten – Kanten auffällig abgerundet. Aber was heißt hier Kanten? Die „Kanten“ haben Einkerbungen, die Bildränder sind mal mehr, mal weniger amorph verformt. Zwei der Bilder basieren auf gemusterte Stoffen von Oberhemden aus dem Wäschekorb, ein anderes auf einem im Müll gefundenen Stück Styropor. Wer das nicht weiß – und auch nicht, dass die kastenförmigen Werke „It“ und „Again“ quasi grob verpixelte Selbstporträts des Künstlers sind –, der würde wohl noch mehr in Richtung Farbfeldmalerei oder Minimal Art denken.

Detailversessenheit auf die Spitze getrieben

Das Maximum an Gegenständlichkeit stellt auf dem Gebiet der Malerei der Fotorealismus dar. Die in Belgrad und London lebende Jelena Bulajic treibt die Detailversessenheit auf eine neue Spitze. Sie hat beim Porträt von „Mahmud“ in handlicher Leinwandgröße (38 x 28,5 cm) jede Hautfalte – und der nicht mehr junge Mann hat viele davon – und jedes Haar ausgeführt. So wie Mahmud könnten auch „Mica“ und „Stevan“ ein ebenso arbeits- wie entbehrungsreiches Leben auf dem Land hinter sich haben, so verbraucht, gleichmütig und stolz blicken sie einem entgegen. Letztere nun allerdings in raumgreifenden Formaten. Aber vielleicht sind das auch nur aus Balkanklischees gespeiste Projektionen. Es überrascht nicht, dass Bulajic bei ihrer Malerei von Fotografien ausgeht. Zwei Bilder namens „Thames“ und die dreiteilige Papierarbeit „Sky I + II + III“ zeigen die Oberflächen dessen, was die Titel versprechen, so fotorealistisch wie „Mahmud“. Anders als bei jenen Porträts könnte der Betrachter die Detailaufnahmen von Fluss und Himmel aber auch mit viel abstrakteren Augen sehen (Preise: 6000– 70 000 Euro).

Gegenständlich oder abstrakt – was früher Ideologie war, ist heute für die Generation der um die Dreißigjährigen vor allem ein spannendes Spiel. Karl Gerstner ruhe in Frieden.

Carlier Gebauer, Markgrafenstr 67; bis 15.4. / Galerie Max Hetzler, Bleibtreustr. 45; bis 22.4. / Max Hetzler, Goethestr 2/3.; bis 22.4., jeweils 11–18 Uhr

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