Gallery-Weekend : Das Gondel-Gefühl

Nie zuvor waren auf einen Schlag so viele Sammler in der Stadt, gab es so viele Vernissagen von Top-Ausstellungen, wurde Künstler-Prominenz so glamourös gefeiert. Was vom Berliner Gallery-Weekend bleibt.

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Klotz als Haus. Das Domizil der Sammlung Olbricht in der Auguststraße. Foto: B. Borchardt
Klotz als Haus. Das Domizil der Sammlung Olbricht in der Auguststraße. Foto: B. Borchardt

Ein Wochenende der Superlative für die Kunst in Berlin: Damien Hirst, Andreas Gursky, Elizabeth Peyton, Monica Bonvicini lockten Besuchermassen in die Galerien. Wer die Limousinen, die Security-Männer draußen vor den Galerien warten sah, konnte ahnen, dass es hier nicht nur ums Schauen, sondern vor allem Shoppen ging.

Berlin, die Kunstmetropole, von der es immer hieß, dass sich die Künstler hier wohlfühlen, ihre Galeristen aber kaum verdienen, hat sich zum internationalen Marktplatz entwickelt. Das Konzept des Gallery-Weekends ist aufgegangen: eine Mischung aus Exklusivität und doch Gesehenwerden, intimer Kunstbegegnung und Riesenparty. Dieses Feeling gab es bisher nur auf der Biennale in Venedig während der Eröffnungstage. Berlin besitzt zwar keine verwunschenen Kanäle und pittoresken Brücken, statt mittelalterlicher Paläste wird die City von Mietskasernen geprägt. Doch beide Städte strahlen Historizität aus, beide entwickeln ihren Reiz aus dem Zusammenprall von Geschichte und Gegenwart. Berlin spielt mit dem Charme des Unfertigen, Venedig mit dem der Vergänglichkeit, durch den Kunst eine besondere Aufladung erfährt.

Mit dem sechsten Gallery-Weekend hat Berlin im Frühling endgültig seinen festen Termin im Kalender des Kunst-Jetsets erhalten. Doch was passiert an den restlichen Tagen des Jahres, wenn der Alltag wiederkehrt? Die zum Gallery-Weekend eröffneten neuen Sammlerhäuser bleiben erst einmal: Roger Bundschuhs Galeriebau am Rosa-Luxemburg-Platz und Thomas Olbrichts Trumm in der Auguststraße. Wie ein Menetekel steht der von Hans Düttmann entworfene Klotz neben den zierlichen Kunst-Werken. Hier, wo einst Berlins Aufstieg zum Zentrum zeitgenössischer Kunst begann und heute Cafés und Boutiquen das Straßenbild dominieren, drückt nun als Letzter ein privater Showroom seinen Stempel auf. Ein Tor muss dem aus Essen nach Berlin gewechselten Sammler geraten haben, sein Haus auch noch mit der Bezeichnung „me“ in roter Neon-Schrift zu versehen. Natürlich müssen Sammler selbstbezogen sein, auch wenn sie ihre Kunst vermeintlich altruistisch der Öffentlichkeit vorführen. Sein Haus aber auch noch „mir“ zu nennen, selbst wenn sich dahinter die Abkürzung „moving energies“ verbirgt, geht nicht einmal als schlechter Scherz durch. Die krude Mischung im Inneren aus Wunderkabinett mit Schrumpfköpfen und elfenbeinernen Miniaturskeletten sowie schreiender Neo-Pop-Art in den großen Sälen lässt sich tatsächlich nur unter Privatsache abbuchen.

Was von alldem für Berlin bleibt oder womöglich weiterwandert, wird sich in den nächsten zwei, drei Jahren erweisen. Schon äußert sich der Senat besorgt, dass die einst hierher gekommenen Künstler weiterziehen könnten, in ähnlich raue, unfertige Städte, wie es Berlin in den Neunzigern einmal war: nach Warschau oder Istanbul. Für viele Galeristen bedeutet der Erfolg des Weekends auch nur ein vorübergehendes Aufatmen. Noch immer fordert die Finanzkrise ihre Opfer. Die guten Verkäufe im oberen Segment können über die Existenzängste im Mittelbau nicht hinwegtäuschen. Das Gallery-Weekend 2010 war ein glückliches Zusammentreffen günstiger Bedingungen: Künstler, Händler, Sammler der ersten Garnitur in einer vibrierenden Stadt. Den flüchtigen Geist gilt es zu halten.

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