Gallery Weekend : Mit neuem Druck

Auf dem alten Areal des Tagesspiegels in der Potsdamer Straße eröffnen immer mehr Galerien – und ein Laden für Luxuswaren

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Ein Hinterhof macht sich schön. Im Hof des ehemaligen Verlagshauses des Tagesspiegel in der Potsdamer Strasse in Berlin sind mehrere Galerien eingezogen. In der alten Druckerei wird noch renoviert.
Ein Hinterhof macht sich schön. Im Hof des ehemaligen Verlagshauses des Tagesspiegel in der Potsdamer Strasse in Berlin sind...Foto: Mike Wolff

Staub wirbelt in der Maerz-Galerie. Torsten Reiter wischt sich die Stirn, seine Mitarbeiterinnen fegen den Raum. In ein paar Stunden müssen die Bilder der Künstler hängen. Denn am Gallery Weekend (www.gallery-weekend.de), das gestern offiziell begonnen hat und noch bis Sonntag zahllose Sammler in die Stadt lockt, wollen auch Galeristen teilhaben, die nicht Teil des offiziellen Programms sind. Reiter gehört zu den „Inoffiziellen“, hat aber gleich zwei Neuigkeiten zu verkünden. Mit der Ausstellung „Welcome (New) Home“ eröffnet der aus Leipzig kommende Galerist nach kurzer Abstinenz wieder eine Dependance in Berlin. Und seine neue Adresse liegt exakt dort, wo gerade alle etwas aufmachen möchten: auf dem ehemaligen Gelände des Tagesspiegels in der Potsdamer Straße.

Seit Wochen wird in der ehemaligen Druckerei, den angrenzenden Gebäuden und ruinösen Villen im Hof gearbeitet. Florent Tosin kann sich das Treiben gelassen anschauen. Er hat sich schon vergangenen September für den Standort entschieden und frühstückt nun seelenruhig auf seinem Balkon, während es um ihn herum tost. Eben sind Sue Webster und Tim Noble eingetroffen, das renommierte Londoner Künstlerpaar. Wer ihnen in der benachbarten Galerie Blaine Southern durch einen langen, schwarzen Tunnel folgt, trifft am Ende auf das jüngste spektakuläre Objekt des Duos - ein Selbstporträt als Schatten, der sich einer Lichtquelle und zwei Häufchen vergoldeter Hühnerfüße und Nagerskeletten verdankt. Was für ein Sinnbild des schönen Scheins. Und was für ein Kontrast zu den Räumen der jungen Galerie, deren Inhaber Harry Blain und Graham Southern alte Hasen im Geschäft sind: Vor knapp zehn Jahren gründeten sie die Galerie Haunch of Venison. Dass der aktuelle Besitzer, das Auktionshaus Christie’s, den Berliner Ableger im Dezember schloss, hat die zwei bestürzt. Sie glauben an die Stadt und haben sich mit der ehemaligen Rotation der Zeitung die imposantesten Räume gesichert. Noch ist alles rough, zur Premiere zeigt man den Ort möglichst unberührt und vertraut ansonsten auf die eine Arbeit von Webster und Noble.

Aus der Zimmerstraße hat es Jiri Svestka in den früheren Tagesspiegel- Hof gezogen. Für den Prager Galeristen ist die „anfängliche Aufbruchstimmung einer echten Euphorie“ gewichen. Daran will er teilhaben, genau wie Thomas Fischer, der vor wenigen Wochen in „Haus H“ mit Laetitia Gendre eröffnet hat. Fischer und Torsten Reiter waren schon vorher Nachbarn, in den SophieGips-Höfen. Doch das ehemalige Zentrum der Kunstszene bröselt und konzentriert sich auf wenige zentrale Anlaufstellen. Das haben auch „401 Contemporary“ und die Produzentengalerie Hamburg mit ihrem Berliner Ableger „ph-projects“gespürt, bevor sie aus Mitte auf das Areal gezogen sind.

Beide teilen sich nun eine ehemalige Altbauwohnung, nutzen die Räume je nach Bedarf und teilen sich auch das technische Equipment. „Ein Experiment“ nennt Galerist Ralf-Otto Hänsel diese Allianz: „Wir haben keine Angst davor, dass der andere Einblick in alle Daten hat und am Ende unsere Sammler kennt.“ Es scheint, als wüchsen an eigenwilligen Orten ungewöhnliche Ideen. Ähnlich hat wohl die Galerie Nolan Judin gedacht, die erst im Herbst mit Künstlern wie George Grosz oder Ian Hamilton Finaly aus der Heidestraße an die Potsdamer Straße ziehen: Die Räume gibt es schon, also stellt man sie an diesem Wochenende dem Magazin frieze zur Verfügung, das hier seine erste deutsche Ausgabe vorstellt.

Dass die Adresse zwar nicht für die Ewigkeit, aber doch für das nächste Jahrzehnt zum hotspot wird, garantiert am Ende allerdings ein ganz anderer Neumieter: Andreas Murkudis wird mit fast allen seinen Shops aus der Münzstraße wegziehen und einen Concept-Store genau da eröffnen, wo früher die Handverkäufer auf die druckfrische Zeitung warteten. Bis jetzt hat sich sein Gespür für Orte und die passenden (Luxus-)Waren als goldrichtig erwiesen.

Potsdamer Straße 77 - 87, Hinterhof; Samstag 29.4., 11 - 18 Uhr.

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