Kultur : Galopp in die Vergangenheit

Bilanz 2011: Spitzenreiter der internationalen Auktionen sind Klimt, Schiele und das 18. Jahrhundert.

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Himmel auf Erden. Mit George Stubbs’ Szenerie von Newmarket und dem ruhmreichen Rennpferd Gimcrack von 1765 erzielte Christie’s knapp 36 Millionen Dollar. Foto: Christie’s
Himmel auf Erden. Mit George Stubbs’ Szenerie von Newmarket und dem ruhmreichen Rennpferd Gimcrack von 1765 erzielte Christie’s...

Nach einigem Auf und Ab beendet der Kunstmarkt das aktuelle Jahr mit Glorie und Mäßigung. Glorreich werden die Umsatzzahlen sein, die die beiden internationalen Auktionshäuser Sotheby’s und Christie’s im Januar vorlegen. Trotz Schleuderfahrt der Weltwirtschaft wird das Vorjahr 2010 übertroffen. Der chinesische Kunstmarkt bringt neue Umsatzschübe, schon hat man wieder die magischen fünf Milliarden Dollar im Auge, die nur im Jahr 2007 übertroffen wurden, als man glaubte, Wachstum und Kredite würden ewig währen.

Aber der Markt war 2011 auch von wachsendem Augenmaß und Bildung geprägt. Als Christie’s im Dezember in New York den Schmuck der verstorbenen Elizabeth Taylor versteigerte, zeigte das Haus mit seinen 157 Millionen Dollar Einnahmen noch einmal, dass der Versteigerungsmarkt dem ostentativen Konsum gehört – aber von „Bling Bling“-Kunst aus den Kunstfabriken war doch weniger die Rede. Kunstfonds wie der „Emotional Assets“-Fonds blieben mangels Interesse auf der Strecke. Sogar Erzspekulant Charles Saatchi ging mit neureichen Käufern ins Gericht, die wie Lemminge den Trends hinterherlaufen. Gehören auch die Sammler von Gerhard Richter dazu? Kaum brachte seine Kerze bei Christie’s in London einen Auktionsrekord von 16,5 Millionen Dollar, war in New York kein Halten mehr: Sotheby’s verkaufte zwei Abstraktionen für 21 und 18 Millionen Dollar.

Aber vor allem zählt nun Klassisches – Moderne, Altmeister, Kunsthandwerk, das schon manche Geschmackswandlung überstanden hat. Der Preis des Jahres fiel im November in Paris. Der Londoner Händler Sam Fogg bezahlte bei Christie’s für eine 38 Zentimeter hohe Elfenbeinmadonna des 13. Jahrhunderts aus der Sammlung des Pariser Kurators Marquet de Vasselot 6,3 Millionen Euro (8,5 Millionen Dollar). Geschätzt war die Skulptur zuvor auf ein bis zwei Millionen Euro.

Glaubt man Insidern, war der Käufer ironischerweise der Starkünstler der Bling-Dekade, Jeff Koons, der ja schon ein teures Werk von Tilman Riemenschneider und ein exquisites Gemälde von Jean-Honoré Fragonard besitzt. Als Künstler hat er ein von Trends und Moden unabhängiges Auge, aber es passt auch, dass gerade er den neuen Sammlertypus verkörpert, der das Feinste vom Feinen will und dabei nicht von Investitionsüberlegungen getrieben ist, sondern allein von der Freude an der Kunst und dem Stolz, sie zu besitzen.

Es gab viele dieser unbekümmerten Kennerzuschläge: August Mackes Aquarell „Im Bazar“, bei Christie’s bis 800 000 Pfund geschätzt und für 6,4 Millionen Dollar verkauft; Salvador Dalis Porträt von Paul Elouard mit 21,7 Millionen Dollar; eine römische Marmorstatue von Leda und dem Schwan aus einem englischen Adelshaus, die bei Sotheby’s 20 Millionen Dollar kostete.

Andy Warhol, regelmäßig Anwärter für Spitzenpositionen, blieb diesmal auf Platz 7 der Jahrespreisliste – mit einem frühen Selbstporträt für 38 Millionen Dollar. Picasso stand auch schon höher als auf Platz fünf mit „La Lecture“, der süffigen Darstellung der Therese Walter von 1932, die 40,4 Millionen Dollar kostete. Käufer war ein Russe – die Rückkehr der Russen und das Wachsen des chinesischen Interesses an westlicher Kunst waren prägende Trends.

Aber teuerer als Picasso, Warhol oder Gerhard Richter, dessen „Abstraktes Bild (849-3)“ von 1997 nun teurer als die beliebten figurativen Motive des Malers ist, waren Klassiker wie Gustav Klimt, dessen Sommerbild „Litzlbeg am Attersee“ 41 Millionen Dollar kostete und knapp, dahinter Egon Schieles „Häuser mit bunter Wäsche“. Alte Meister hatten ein noch glorreicheres Jahr: 43 Millionen Dollar kostete eine großformatige Venedig-Vedute des Francesci Guardi aus englischem Familienbesitz für 43 Millionen Dollar bei Sotheby’s.

Christie’s hatte ein 36 Millionen Dollar teures Meisterwerk des Pferdemalers George Stubbs und 30 Millionen Dollar wurden für ein Orientalistengemälde von Lawrence Alma-Tadema bezahlt. Die Preiskluft zwischen der alten und der zeitgenössischen Kunst wächst wieder. Daran ändern auch die Spitzenlose des Jahres nichts, zwei Raritäten amerikanischer Nachkriegsmaler: Roy Lichtensteins Comic-Blick durchs Schlüsselloch „I can see the whole room (43 Millionen Dollar) und die Abstraktion von Clyfford Still „1949-A No.1“ für 62 Millionen Dollar. Still ist vielen unbekannt, weil der Großteil seines Werkes einer Museumsstiftung gehört. Preisvergleiche sind unmöglich – wie bei solitären Altmeistern. So war dieser Toppreis des Jahres den einen zu hoch, andere waren enttäuscht. Aber das charakterisierte manchen Preis und vielleicht die Stimmung überhaupt: Die Preise blieben hoch genug, um zu zeigen, dass der Markt gesund bleibt. Aber nicht so hoch, dass man sich über Unvernunft und Maßlosigkeit empören musste.

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