Kultur : Ganz entspannt im Bier und Jetzt

Furioser Auftakt beim Berliner Jazzfest: Andrew Hill und Von Freeman aus Chicago

Johannes Völz

Auf den meisten Jazzfestivals habe er sich bloß gelangweilt, gab John Corbett, Leiter des diesjährigen Jazzfests und Kritiker von Beruf, in den letzten Wochen fast großspurig zu Protokoll. Aber wie es besser machen, wenn man selbst mal am Zug ist? Corbett entschied sich für erstklassige Gruppen und ordnete sie so an, dass sich aus dem Beziehungsgeflecht beinahe automatisch ein spannender Plot ergab: voller Wendungen, und mit einer Nebenperson, die sich am Ende gar als heimlicher Protagonist entpuppt.

Nasheet Waits heißt er, Anfang 30, Schlagzeuger. Um halb acht legt er los: ein Inferno der Snare Drum, ganz in Free Jazz-Tradition ohne erkennbares Tempo und dennoch vorwärts drängend. Es ist das Sextett des 65-jährigen Pianisten Andrew Hill, dem Nasheet Waits im Haus der Berliner Festspiele zusetzt. Er dominiert die drei Bläser, übertönt Hills Klavier – auch wenn der bevorzugt am Bühnenrand steht und zuschaut. Waits’ brodelnde Trommeln verleihen den langsamen Melodiebögen der Bläser etwas beinahe Sakrales. Das Unerklärliche des Free Jazz verblüfft bei Andrew Hill noch immer: Warum nur strebt diese Musik, kaum ist sie von formalen Zwängen befreit, zur Spiritualität?

Andrew Hill war es übrigens, mit dem Von Freeman 1956 seine erste Platte aufnahm. Als der 80-jährige nun direkt nach Hill mit seinem Quartett aus Chicago die Bühne betritt, ist alles Unheimliche verflogen. Publikumsliebling ist er, bevor er einen einzigen Ton gespielt hat. Doch nachdem er für zwanzig Minuten „Summertime“ geknetet hat, wissen alle: Die Gerüchte, dass dieser Unbekannte, der Chicago fast nie verlassen hat, zu den größten Tenorsaxofonisten des Jazz gehöre, sie stimmen. Freeman umspielt die Melodien, zerfetzt die Harmonien, schluchzt wie ein Bluessänger und schwelgt. Dieser Musik ist keine Geste zu groß, und doch liegen ihr Kitsch und Egomanie völlig fern.

War Andrew Hill der erste Pianist, mit dem Freeman aufnahm, so ist der 27-jährige Jason Moran der – vorläufig – letzte. Mit Morans Auftritt im Quasimodo, das spät am Abend parallel zum Konzert der WDR Big Band im Haupthaus stattfindet, schließt sich der Kreis. Denn rechts in der Ecke am Schlagzeug sitzt er wieder: Nasheet Waits. Diesmal darf er den Free Jazz im Jetzt verankern. Morans Trio wechselt ständig von frei fließenden Rhythmen zu repetitiven Grooves. Ein Kraftakt, der Todessehnsucht verrät. Egal, ob sie auf Chopins „Trauermarsch“ oder „The Murder of Don Fanucci“ aus „Der Pate II“ einschlagen: Aufstampfen möchte man zu diesem „Gothic Jazz“, ja, warum nicht headbangen? Moran beweist, dass hochkomplexer Jazz sein Publikum findet. Einen solchen Auftakt hat das Jazzfest seit Jahren nicht erlebt.

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