Kultur : Ganz große Oper

Katrin Wittneven

freut sich über schwungvolle Eindrücke aus New York Als Jacobo Borges ein Kind war, kaufte sein Vater einen alten Filmprojektor. Ein Bettlaken ersetzte die Leinwand für die Filme von Charlie Chaplin, Buster Keaton und Harald Lloyd. Das war 1940 in Caracas, wo der 1931 geborene Künstler seine Kindheit verbrachte. Obwohl ihn die Filme – besonders die immer wieder auftauchenden Nottreppen – faszinierten, wurde Borges Maler. In den Fünfzigerjahren ging er nach Paris, 1958 nahm er an der Biennale von Venedig teil, zahlreiche Ausstellungen und Publikationen folgten. In den Achtzigerjahren verbrachte er auch einige Jahre in Berlin. Heute lebt der 73-Jährige in New York. Dort bemerkte er beim Blick aus dem Fenster, dass die Nottreppe hinter seinem Haus einem Modell gleicht, das er viele Jahre zuvor entworfen hatte. Aus seiner Treppen-Betrachtung mit Kamera ist ein Film entstanden, der in der Galerie Poll (Lützowplatz 7) zusammen mit großformatigen Stills zu sehen ist (Preise zwischen 2150 und 5450 Euro). Unterlegt mit Opernmusik – teils von seiner Tochter, teils von der Callas gesungen –, wird die Plattform am Treppenende zur Bühne. Der Film zeigt Protagonisten, die mit dramatischer Geste agieren, Statisten, anschwellende Höhepunkte: ganz große Oper. Dabei merken die auftretenden Akteure nicht einmal, dass sie gefilmt werden. Sie machen Zigarettenpause, bringen Pakete oder stehen einfach da. Allein die Musik schafft eine fesselnde Choreografie. „Room of Memory“ nennt Borges dieses Arrangement. Dass der Eingang zum Armory-Gebäude gehört, in dem Marcel Duchamp 1913 seinen berühmten „Akt, die Treppe herabsteigend“ präsentierte, öffnet dabei nur eine weitere gedankliche Tür.

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Sie ist nicht die Einzige: Nach dem 11. September 2001 diente das Armory-Gebäude einige Zeit als Stützpunkt für die Armee. Ein Verweis, der zum zweiten Teil der Ausstellung überleitet. In der Kunststiftung Poll (Gipsstraße 3, beide Ausstellungen bis 14. August) dokumentiert Borges den Blick aus seiner New Yorker Wohnung zur anderen Straßenseite. Die zum langen Band durch die Galerieräume gereihten Aufnahmen zeigen das Chrysler Building im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten (Preise je nach Größe und Auflage zwischen 2500 und 8500 Euro). Die Bezüge zu Andy Warhols achtstündigen Film „Empire“ aus den Achtzigern liegen auf der Hand. Aber Borges’ Serie „Chrysler – Time Passes“ wirkt privater und zeigt in seinen fast beiläufig erscheinenden Momentaufnahmen das markante Gebäude vor allem als sehr verletzlich.

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