Kultur : "Ganz große Pause": Von Schulschwänzern und Tagträumern

Frank Dietschreit

Svenja ist ein echter Härtetest für jeden Lehrkörper. Sie nervt und provoziert, wo sie nur kann. Und wenn sie gar keine Lust mehr hat auf Arbeitsbögen und Ordnungsappelle, flieht sie in ihre Tagträume. Oder schwänzt eine Stunde. Dann ist sie wieder fit für neuen Schulstress. Philipp dagegen ist nicht mehr zu helfen. Den Anschluss an den Schulstoff hat er längst verpasst. In sich verkapselt hockt er da, gibt auf nichts mehr eine Antwort, verweigert sich, kommt irgendwann gar mehr in die Penne. Für ihn, und später auch für die sich ihm zuwendende Svenja, beginnt die "Ganz große Pause".

Nach Gesprächen und Schreibexperimenten mit Schülergruppen siebter und achter Klassen hat Anja Tuckermann das jetzt vom Grips-Theater in der Schiller-Werkstatt uraufgeführte Stück ("für Menschen ab 13") geschrieben. In der Regie von Frank Panhans wird aus der Textvorlage eine schnelle, mit ebenso treffenden wie entlarvenden Dialogen und ebenso präzisem wie ironisiertem Spiel auftrumpfende Szenen-Collage über Schulschwänzer und Tagträumer. Die geradezu vorbildliche, weil ohne jeden besserwisserischen, pädagogisch aufdringlichen Zeigefinger arbeitende, aber doch die Probleme auf die Punkt bringende Inszenierung nimmt die aus Medienschnipseln, Gameboys und Computerspielen bestehenden Alltagswelt der Kids ernst. Aber sie schmeißt sich nicht anbiedernd an das Publikum heran. Immer, selbst wenn DJ Tinco an den Reglern fummelt die schnell wechselnde Szenerie mit seinen musikalischen Signalen atmosphärisch kommentiert, bleibt eine Distanz zwischen den Spielern und dem Gespielten, den Zeigenden und dem Gezeigten. Trotz Techno-Beat und wildem Tanz, Gekeife und Geblödel bleibt genügend Raum zum Mit-, Nach- und Weiter-Denken.

Das sich zwischen Schule, Park und Svenjas Wohnung hin und her zappende Spiel hat kein überflüssiges Wort, keine unpassende Geste. Alles stimmt. Vor allem bei Angret Holicki. Ihre Svenja ist ein sympathischer Kotzbrocken. Schon ihr zwischen kasperlehafter Albernheit und todtrauriger Leere irrlichterndes Gesicht erzählt von existenziellen Abgründen. Ihre Widerworte sind eine einziger Hilfeschrei. Nur hört den leider lange Zeit niemand, weder die überforderte Lehrerin noch die ebenso überforderte Mutter (beide Rollen spielt Regine Seidler). Dass sich die Unverstandene, immer weiter Ausgegrenzte allmählich dem Totalverweigerer Philipp (Frank Engelhardt) annähert, der seine Tage im Park verbringt und dort schaurige, von Zombies bevölkerte Gewaltvideos nachspielt, könnte der endgültige Absturz sein.

Ist es aber nicht. Denn die beiden haben das Träumen noch nicht verlernt. Sie funktionieren den Park zum Filmset um, bannen ihren Hass und ihre Wünsche mit der Videokamera auf die Leinwand. Bevor aus lustlosen Schulschwänzern aber endgültig kreative Köpfe werden können, die - von der Lehrerin ermutigt - frischen Wind in die lahme Schule bringen, und bevor ein mitreißendes Spiel womöglich sich in einem kitschigen Finale selbst verrät, geht abrupt das Licht aus - zum Glück. Wie es weiter gehen könnte? Keine Ahnung. Aber irgendwie geht es immer weiter.

0 Kommentare

Neuester Kommentar