Kultur : Ganz ohne Reue

Uwe Friedrich

Der Sony-Gründer Akio Morita liebte Ludwig van Beethovens Neunte Symphonie über alles. Angeblich legte er die maximale Spieldauer einer CD auf ca. 80 Minuten fest, damit sein Lieblingswerk nicht vom Plattenwechsel unterbrochen wird. Seinem Andenken ist die Kantate "Tengai" des Tokioter Komponisten Shigeaki Saegusa gewidmet. Schon der Titel greift nach den Sternen, er bedeutet einen "unendlichen Raum, der weiter ist als die Welt und der Weltraum".

In Japan ist Masahiko Shimada offenbar ungemein populär. In seinem Kantatentext macht er klar, dass unsere Welt scheinbarer Schönheit erst wirklich schön wird durch Gesang. Unerschrocken pflügt das Philharmonic Ensemble Orchestra of Tokyo samt Chor durch das monströse Werk, in dem der Komponist Saegusa sich westeuropäischer Hochkultur ebenso verpflichtet fühlt wie nordamerikanischer Unterhaltungsmusik. Gefällige Klavierharmonien und hohe Streicher sorgen für Wohlfühlklassik ohne Reue.

Zuvor hatte das Philharmonic Ensemble Orchestra of Tokyo die Haydn-Variationen von Johannes Brahms und Haydns Es-Dur-Trompetenkonzert mit dem Solisten Konradin Groth absolviert. Chor und Orchester bestehen aus Amateurmusikern, die sich ihrer Sache mit tiefer Hingabe widmen. Woher aber kommt diese ungeheure Begeisterung für westliche Musik? Und warum gibt es kaum ein wirklich überzeugendes asiatisches Ensemble? Die Tokioter Liebhaber verfehlen die Hauptsache: Ihre Musik hat keine Tiefe, kein Geheimnis. Dirigent Naoto Otomo hat keine Botschaft zu übermitteln. Übrig bleibt ein schöner Erfolg in der Berliner Philharmonie inklusive Albumfotos für die Lieben daheim.

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