Ganz OHR (4) : Lauscht den Loops!

Frederik Hanssen wird sentimental und wirft sein Geld zum Fenster raus

Frederik Hanssen

Zuerst ist es nur eine Ahnung, eine Irritation im Gemisch der Straßengeräusche. Da klingt was im amorphen öffentlichen Klangbrei, da macht doch wer Musik! Langsam schält sich eine Melodie heraus, was Populäres.

Das Ohr hat das Auge neugierig gemacht: Es ist eine Wanderkapelle, bestätigt der Blick aus dem Fenster, Südosteuropäer wohl, vielleicht aus Rumänien, vielleicht aus Bosnien oder Serbien, womöglich Roma, eine schwarzlockige Combo jedenfalls, die übers Trottoir tänzelt, auf Kleingeldfang. Einer trompetet oder bläst die Klarinette, andere schlagen die Trommel und das Tambourin, zwei Jungs nähern sich den Passanten mit Pappbechern. Und der Zuhörer steht oben in seiner Wohnung und denkt an Bully Buhlan: „Lieber Leierkastenmann, fang noch mal von vorne an.“ Wie ging der Schlager gleich noch weiter? „Stehst du unten uff’n Hof, wird mir gleich ums Herz janz doof. Mutter blickt so freundlich drein, wickelt ihren Sechser ein. Sie, die sonst so spart im Haus, schmeißt das Geld zum Fenster raus!“ Macht man jetzt auch, ist doch toll, Straßenmusik anno 2008. Handgemacht.

Und total modern. Im Laufen nämlich spielen die Musiker ihre Melodie als Schleife, immer dieselbe Wendung, loop sagen Hip-Hop-Hörer dazu. Durch die ständige Wiederholung setzt sich die Tonfolge im Gehörgang fest, als Ohrwurm. Die Truppe wandert derweil weiter, der Klang wird schwächer, wie in Charles Ives „Decoration Day“ von 1912, dem Orchesterstück, in dem der amerikanische Klang-Pionier imaginäre Marschkapellen am Publikum vorbeiparadieren lässt.

Jetzt ist die Kapelle unten auf der Straße um die Ecke gebogen, ganz leise nur noch weht die Endlosmelodie herüber. Dann ist sie weg, überspült vom diffusen Sound der Großstadt. Ob die Videothek wohl Emir Kusturicas „Zeit der Zigeuner“ mit diesem irren Gipsy-Folk- Punk-Soundtrack vorrätig hat?

Bisher sind in unserer Sommerserie erschienen: Christiane Peitz über Schubert im Regen (13. 7.), Andreas Schäfer über Kopf hörer (22. 7.), Nadine Lange über Balkanpop im Kino (29. 7.). Als Nächstes: Bernhard Schulz hört Mozart in Peking.

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