Ganz OHR : Bahnhöfe verstehen

Moritz Gathmann steigt in den musikalischen Gesundbrunnen

Moritz Gathmann

Der Zug kommt aus der Erde ans Licht, und dazu ertönt eine Melodie, um zu verkünden: Wir erreichen jetzt den Bahnhof Berlin-Gesundbrunnen. Und ja, ein Gesundbrunnen sind diese Klänge für die müde Seele, lebensfroh steigen die Quinten und Terzen hinan: „Dadadada, dadadaaada!“ Der Fahrgast will aufspringen, die Mit-Reisenden zum Mit-Singen animieren, „Hört doch, jetzt kommen die lustigen Taaage!“, doch niemand außer ihm scheint den Text zu kennen. Ist schließlich auch schon etwas älter, das Lied. Und stammt aus Mähren und Schlesien, wie vermutlich nur wenige in dieser Regionalbahn vom Berliner Hauptbahnhof nach Neustrelitz.

Seit Ende der Neunziger versucht die Deutsche Bahn, mit Melodien dieser Art ihre Fahrgäste in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern aufzumuntern. Damals dachte sich das DB-Regio-Team-Nordost in Potsdam: Helfen wir den in der Globalisierung orientierungslos gewordenen Menschen doch, sich mit Bahn und Bundesland zu identifizieren. Der erste Versuch: Bei der Einfahrt ins schöne Brandenburg erklang die inoffizielle Landeshymne „Steige hoch, du roter Adler.“ Allerdings wurden üppige GEMA-Gebühren fällig, weil der Verfasser Gustav Büchsenschütz erst 1996 verstorben ist.

Also machten sich die Bahner auf die Suche nach nicht mehr kostenpflichtigem Liedgut aus dem 19. Jahrhundert. Und fanden: „Daa, daa, dadadaa, daa, daaadadaa“ macht das Synthesizer-Blasinstrument, bevor die Stimme im Regionalexpress die Ankunft im brandenburgischen Oranienburg verkündet. „Wer recht in Freuden wandern will...“ ist das und stammt aus der Feder des heute nur noch wenig bekannten Dichters Emanuel Geibel. Übrigens, wer in Freuden wandern will, geht das Lied weiter, „der geh der Sonn entgegen!“

Und weiter geht die Fahrt. Mit welcher Melodei werden uns die Mecklenburger und Vorpommern begrüßen? Kurz vor Neustrelitz dann, fast melancholisch: „Daa, daa, daa, daa, dadada“. Gegenüber dem nassforschen Berliner Marsch kommt Meck-Pomm mit „Dat du mien Leevsten büst“ („Dass Du mein Liebchen bist“) musikalisch und inhaltlich zart daher. Ein Mädchen ruft ihren Leewsten zum Stelldichein, wenn die Eltern schlafen. „Vader slöpt, Moder slöpt, ik slaap alleen.“ Dat nur mal der Lokomotivführer nich einslöpt.

Bisher sind in unserer Sommerserie erschienen: Christiane Peitz über Schubert im Regen (13. 7.), Andreas Schäfer über Kopfhörer (22. 7.), Nadine Lange über Balkan-Pop im Kino (29. 7.), Frederik Hanssen über eine Wanderkapelle (10. 8.), Jan Schulz-Ojala über eine Uhr im Flur (12. 8.) und Christine Lemke-Matwey über den Ruf des Berges (18. 8.). Am Montag beschließt die Serie: Gregor Dotzauer.

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