Kultur : Garollianische Geistvipern

Von Denis Scheck

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Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal im Monat die „Spiegel“Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“, die bis August Sommerpause hat.

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10) Patricia Cornwell: Staub. (Deutsch von Karin Dufner, Hoffmann und Campe, 429 Seiten, 23 Euro)

Ganz schön auf den Hund gekommen ist das gerichtsmedizinische Institut, das Kay Scarpetta einst in Virginia aufgebaut hat, und ganz schön auf den Hund gekommen ist mittlerweile auch Cornwells Serienheldin Kay Scarpetta selbst. Zwar vermag niemand so anschaulich aus der Welt der forensischen Medizin zu erzählen wie Cornwell, doch bleibt ihre Geschichte über Scarpettas Rückkehr nach Richmond und die Aufklärung des Mordes an einer 14-Jährigen als Krimi zu überraschungslos und hausbacken.

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9) Matthew Stower: Star Wars Episode III – Die Rache der Sith (Deutsch von Andreas Brandhorst, Random House Entertainment, 446 Seiten, 14,90 Euro)

Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis. Dort kippte man sich gern mal eine „aqualishanische Hoi-Brühe“ hinter die Binde und hatte Angst vor „garollianischen Geistvipern“ unterm Bett, und dort ergaben bestimmt auch Sätze wie dieser Sinn: „Als Graf Dooku mit blitzendem Schwert heranfliegt, kommt Wattos Faust aus Anakins Kindheit und schlägt den Sith-Lord zurück.“ In unserer Galaxis und in unserer Zeit sind solche Sätze aber Stuss, ihre buchgewordene Ansammlung ein fantasieloses Machwerk. Oder wie Yoda sagen würde: „Buch wegwerfen du musst.“

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8) Frank Schätzing: Der Schwarm (Kiepenheuer & Witsch, 1008 S., 24,90 Euro)

Der intelligenteste deutsche Unterhaltungsroman der letzten Jahre: ein Buch über die Ökologie der Macht, die Beziehung zwischen Mensch und Meer – und über das Verhältnis zwischen den USA und dem Rest der Welt.

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7) Francois Lelord: Hector und die Geheimnisse der Liebe (Deutsch von Ralf Pannowitsch, 221 Seiten, 18,90 Euro)

Einige Plattitüden zur Herzensbildung hatte Francois Lelord aus „Hectors Reise“ offenbar noch für diese überflüssige Fortsetzung einer unnötigen Geschichte übrig. Im Mittelpunkt steht wieder der treudoofe Pariser Psychiater Hector, dessen Ratschläge zur Lebenshilfe so profund ausfallen wie die einstigen „Liebe-ist...“-Cartoons der „Bild“-Zeitung: „Wenn Liebende einander wirklich verstehen würden, dann liebten sie sich vielleicht nicht mehr.“ Na und?

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6) Eoin Colfer: Artemis Fowl – Die Rache (Deutsch von Claudia Feldmann, 336 Seiten, 18 Euro)

Für seine amüsante Hohlweltgeschichte um den jugendlichen irischen Meisterdieb Artemis Fowl und die versteckt im Erdinneren lebenden Elfen, Kobolde, Zwerge und Zentauren hat sich Eoin Colfer die turbulente Ästhetik der schnellen Schnitte in Musikvideos und Computerspielen ausgeborgt. Entstanden ist so ein sehr schrilles, aber auch ein sehr vergnügliches Jugendbuch, mehr als nur ein Harry-Potter-Trittbrettfahrer.

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5) Francois Lelord: Hectors Reise (Deutsch von Ralf Pannowitsch, 187 S., 16,90)

Glück ist die Abwesenheit von Schmerz, lehrt Arthur Schopenhauer. Die ganze Tragweite dieser philosophischen Lektion wird nur ermessen, wer den Schmerz der Lektüre dieser Geschichte über einen reinen Toren auf der Suche nach der inneren Zufriedenheit erfahren hat – und das Glück, Lelords Sammlung schaler Trostsprüchlein zuklappen zu dürfen.

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4) Paulo Coelho: Der Zahir (Deutsch von Maralde Meyer-Minnemann, Diogenes Verlag, 342 Seiten, 21,90 Euro)

Stellen Sie sich vor, allmächtige Außerirdische zwängen Sie, ein über dreihundertseitiges Buch zu schreiben, doch jeder origineller Gedanke, jede eigenständige Metapher, ja allein schon die Andeutung einer Idee führte zur sofortigen Auslöschung der Menschheit. Paulo Coelho hat in seinem neuen Roman über die Neubelebung einer scheintoten Ehe dieses Experiment durchgeführt; die Menschheit geriet nie in Gefahr.

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3) Dan Brown: Diabolus (Deutsch von Peter A. Schmidt, Lübbe Verlag, 524 Seiten, 19,90 Euro)

Was passiert, wenn eine unwiderstehliche Kraft auf ein unverrückbares Hindernis prallt? Leider gar nichts, wie Brown in diesem Kryptographie-Krimi über einen Supercomputer, ein Superprogramm und einen Supercode beweist. Auf der Strecke bleibt bei all diesen Superlativen nämlich die Spannung in diesem lahmen und vorhersehbaren Thriller. So lehrt Dan Browns 1998, fünf Jahre vor „Sakrileg“ veröffentlichter Roman vor allem eines: wie viel man als Schriftsteller binnen relativ kurzer Zeit lernen kann.

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2) Donna Leon: Beweise, dass es böse ist (Deutsch von Christa E. Seibicke, Diogenes, 328 Seiten, 19,90 Euro)

Wie eine Allegorie sämtlicher Todsünden erscheint das Opfer in Leons dreizehntem Roman um Brunetti: eine geizige Vettel, zornig, träge, neidisch und habsüchtig. Dass man diesen gelungenen Serienkrimi am Ende befriedigt zuschlägt, liegt weniger an der mäßig plausiblen Handlung um Erpressung, angemaßte akademische Ehren und eine rumänische Putzfrau, als an Leons kunstvoller Feier des venezianischen Alltags.

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1) Dan Brown: Sakrileg (Deutsch von Piet van Poll, 605 Seiten, 19,90 Euro)

Alberne Charaktere, ein abenteuerlich zusammengeschusterter Plot und eine Sprache so filigran wie ein Schlammbagger: Und doch ist dieser Roman über die Nachkommen von Jesus Christus ein toller Schmöker. Auch wenn man sich hinterher fühlt, als hätte man zwei Eimer Popcorn verdrückt: „Sakrileg“ ist das Spannendste, was derzeit zwischen zwei Buchdeckeln zu haben ist.

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