Kultur : Garten der Gelüste

Das Haus der Dadaistin Hannah Höch ist ein Denkmal. Der Bezirk Reinickendorf will es trotzdem verkaufen

Ulrich Clewing

Der Garten ist einer der schönsten in Berlin. Das sieht man sogar im Winter, wenn eigentlich alles kahl ist. Achthundert verschiedene Pflanzen gibt es hier, Rosen, Dahlien, Astern, Beete von Phlox, Oleanderbüsche, viel Obst und einen Götterbaum. Sobald es nachts nicht mehr ganz so kalt wird, werden die Kakteen herausgestellt, im Juni erreicht die Pracht ihren Höhepunkt, und es blüht in allen Farben. Letztes Jahr nisteten Zaunkönige in den Hecken – ein untrügliches Zeichen, dass in diesem kleinen Paradies alles in Ordnung ist, zumindest unter ökologischen Gesichtspunkten.

Betrachtet man den Fall allerdings von seiner prosaischen verwaltungstechnischen Seite, so ergibt sich ein anderes Bild. Dann gerät die Ordnung plötzlich ins Wanken, Umwälzungen kündigen sich an, tief greifende, vielleicht sogar bedrohliche Modifikationen. In der Objektbeschreibung des landeseigenen Liegenschaftsfonds liest sich das so: „Das Grundstück ist bebaut mit einem Wohngebäude und einem Atelier, die durch einen Verbindungsgang miteinander verbunden sind, sowie einem Schuppen.“

Damit eventuelle Interessenten, die das Geschäft für ein willkommenes Schnäppchen halten, nicht zu euphorisch reagieren, ist noch der Zusatz vermerkt: „Das Wohnhaus ist als Baudenkmal und der Garten als Gartendenkmal in der Denkmalliste Berlins verzeichnet.“ Das bedeutet, dass „jede Veränderung an Haus und Garten“ der Zustimmung der zuständigen Denkmalschutzbehörde bedarf – so steht es im Gesetz und auf dem Papier. Außerdem ist dort zu lesen, der Kaufpreis betrage 170000 Euro. Das Angebot ist bis zum 28. Februar einzureichen, „im verschlossenen Umschlag unter Angabe der Objektadresse“.

Fast vierzig Jahre lang, von 1939 bis zu ihrem Tod 1978, hat Hannah Höch in diesem Haus gelebt. An der Straßenseite des Grundstücks ist eine Gedenktafel angebracht, die die Künstlerin zu Recht eine „große Frau ihrer Epoche“ nennt. 1919 war Hannah Höch eine der Gründerinnen der Berliner Dada-Sektion. Damals erfand sie auch die Fotocollage – ein Medium, das anschließend seinen Siegeszug rund um die Welt antreten sollte. Für ihre Kunst schnitt sie Bilder, Worte und ganze Sätze aus Illustrierten aus und klebte sie in chaotischer Anordnung auf Papier.

Ironie und Sarkasmus, beißender Witz und surreal kombinierte Details waren Höchs Markenzeichen, das von anderen, um einiges berühmteren Freunden und Kollegen wie Raoul Hausmann, John Heartfield und Max Ernst dankbar aufgegriffen wurde. Später malte sie ihre Collagen in Öl auf Leinwand. Einige ihrer besten Bilder, zum Beispiel das für die Zunft wenig schmeichelhafte Gemälde „Die Journalisten“, zählen mittlerweile zu den Glanzpunkten der Berlinischen Galerie. Am Stadtrand von Berlin in Heiligensee im Bezirk Reinickendorf hat Höch – was nicht selbstverständlich war – die NS-Zeit einigermaßen unbehelligt überstanden, hat Rosen gezüchtet und Obst angebaut und sich damit über Wasser gehalten.

Ihre Vorliebe für Collagen habe sie seinerzeit in Ermangelung anderer Möglichkeiten auf ihren Garten projiziert, das sei immer noch klar sichtbar, sagt der Maler Johannes Bauersachs, der sich seit 17 Jahren um das Hannah-Höch-Haus kümmert. Am Heiligensee ist Höch geblieben, als sie in den sechziger Jahren wiederentdeckt wurde, die Preise für ihre Arbeiten langsam in astronomische Höhen stiegen und sie sich längst ein Schloss hätte kaufen können. Hier: in dem kleinen Häuschen mit der auffallenden beige gestrichenen Holzfassade, das einen so adretten, gepflegten Eindruck macht.

Zusammen mit seiner Familie hat Johannes Bauersachs dafür gesorgt, dass es nicht mehr in den Wintergarten hinein regnet, hat die Obstbäume abgeerntet und die Beete nach alten Fotos rekonstruiert, so gut es ging. Das macht der Künstler aus Begeisterung, aber auch, weil es im Mietvertrag steht. Die Bauersachs’ sind verpflichtet, Fremde nach telefonischer Absprache durch den Garten zu führen und Auskunft über die prominente Vorbesitzerin zu geben. Eine Aufgabe, die der Maler gern und offenbar erfolgreich übernommen hat – im Gästebuch finden sich ausführliche Danksagungen.

Das Problem: Berlins Kassen sind leer, also muss Landesbesitz abgestoßen werden. Ein Jahr, nachdem der Milliardenskandal um die Bankgesellschaft publik geworden war, kam ein Mitarbeiter des Kunstamts Reinickendorf vorbei und ließ die verdutzten Bewohner wissen, ihr Engagement sei künftig nicht mehr vonnöten. Noch im selben Jahr, 2001, landete das Grundstück An der Wildbahn 33, „Gemarkung Heiligensee, Flur 2“ auf der Liste der zu veräußernden Immobilien des Bezirks, ohne dass auch nur ein Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung protestiert hätte. Seitdem sucht man nach einem Käufer, wobei die Attraktivität der Offerte augenscheinlich leicht überschätzt wurde: Um 40000 Euro wurde der ursprüngliche Einstiegspreis bereits reduziert. Trotzdem ist fraglich, ob die aktuellen Preisvorstellungen realisiert werden können.

Heute allerdings möchte niemand mehr die Verantwortung übernehmen für die Einstellung des Hauses in den Liegenschaftsfonds. Bezirksstadtrat Thomas Gaudszun (SPD) betraut mit den Belangen von Kultur und Umwelt, verweist auf die Zuständigkeit des Fonds als Eigentümer der Immobilie. Zwar wäre es nach gegenwärtiger Sicht der Dinge „besser, das Haus im Besitz der öffentlichen Hand“ zu behalten. Doch im bisherigen Vorgehen einen Fehler zu erkennen, so weit möchte Gaudszun dann auch wieder nicht gehen. Ähnlich äußert sich Ulrich Droske von der CDU, Vorsitzender des Reinickendorfer Kulturausschusses. Auch er wünscht sich, dass der Verkauf nicht stattfinden möge. Dennoch sagt er: „Die Situation ist verzwickt. Wir sind nicht mehr Herr des Verfahrens.“

Ob das Haus am 28. Februar den Besitzer wechseln wird, ist also unklar. Auch Johannes Bauersachs hat ein Kaufangebot abgegeben. Freilich liegt es unter dem geforderten Preis. „Mehr Geld“, sagt der Künstler, „habe ich einfach nicht“. Vielleicht wird ihm ja eine andere Qualifikation zugute geschrieben: seine Erfahrung im Umgang mit dem Garten- und Geschichtsdenkmal.

Besichtigungen des Hannah-Höch-Hauses sind weiterhin möglich. Telefonische Anmeldung unter 030/431 48 24.

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