Kultur : Garten für die Geister

Ein Zentrum in stabiler Randlage.

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In zehn oder 20 Jahren, wenn das literarische Leben noch weiter in Subszenen zerfasert und diffundiert sein wird, steht das Literarische Colloquium mit etwas Glück noch immer in steinerner Seelenruhe am Ufer des Wannsees, erfüllt von quirligen Geistern und stillen Denkern. Nachts werden wie eh und je schaumgeborene Seejungfrauen aus den Fluten steigen, Faune durch den terrassierten Garten jagen und den Hausgästen einen heimlichen Besuch abstatten. Und am nächsten Morgen wird wieder jeder so tun, als wäre nichts gewesen.

Die 50 Jahre, auf die das LCB nun zurückblicken kann, wirken freilich nicht weniger fantastisch als alles, was man sich für die Zukunft ausmalen kann. Denn in dieser Zeit hat sich die literarische Welt so oft um die eigene Achse gedreht, dass einem schwindlig werden kann. Wenn zum Jahresende mit Florian Höllerer der Sohn des Gründers Walter Höllerer die Leitung der Geschäfte von Ulrich Janetzki übernimmt, sieht das vielleicht aus wie ein Akt größtmöglicher Kontinuität. In Wahrheit ist es ein Anknüpfen über zahllose Brüche hinweg.

Am offensichtlichsten ist der verlorene Alleinvertretungsanspruch. Das 1986 in der Fasanenstraße eröffnete Literaturhaus war nur die erste Konkurrenz. Nach dem Mauerfall kamen mit Literaturforum und Literaturwerkstatt weitere hinzu. Heute muss sich, bei aller unterschiedlicher Ausrichtung der Institutionen, selbst der fleißigste Veranstaltungsbesucher vierteilen, um zwischen Kreuzberger Lettretagen, nomadisierenden Salons und neuen Veranstaltungsreihen noch einen Weg durch das Dickicht zu finden.

Die Konsequenz war für das LCB früh klar. In allem, was es jemals war und sein wollte, ein multimediales Experimentierlabor zu Zeiten des Kalten Krieges und sehr viel später ein Haus der Literaturen der Welt, fungierte es nach innen als Treffpunkt der Akteure und nach außen als Schaufenster für das Publikum. Letzteres ist in seiner Bedeutung gegenüber der Organisation des Betriebs – auch als nationaler Dienstleister – zurückgetreten.

Durch seine Autorenwerkstätten hat das LCB seit 1997 entscheidenden Anteil an der Professionalisierung des Schreibens, durch die Förderung deutscher und internationaler Übersetzer immense Verdienste an der Aufwertung eines unterbewerteten Berufsstands. Man lese Jürgen Jacob Beckers Chronik in der Jubiläumsausgabe der Hauszeitschrift „Sprache im technischen Zeitalter“ und staune.

Und doch gibt es einen Ursprungsgedanken, an dem das LCB festhalten muss, wenn es seine einzigartige Stellung behaupten will. Die Idee, aus stabiler, im Lauf der Jahrzehnte städtischerseits mehrfach angefeindeter Randlage heraus, ein Zentrum für alle zu sein, die an Literatur als unverzichtbares Erkenntnismittel glauben und trotzdem oft genug miteinander fremdeln. Eine hilflos ins Spezialistische wie ins Praktische flüchtende Literaturwissenschaft. Ein Feuilleton, das mit dem Siechtum der Printkultur ringt. Ein Verlagswesen, das sich angesichts sinkender literarischer Auflagen ans Marketing verliert. Schriftsteller, die ihren Schreibwunsch in Schreibnotwendigkeit verwandeln wollen. Und Leser, die Texte jenseits des Gefälligen suchen.

„Wenn eine Gemeinschaft mehr Erinnerungen als Träume hat, steht ihr keine Zukunft mehr bevor“, hat Thomas Friedman einmal geschrieben. Nach 50 bewegten Jahren hat das LCB zwar Mythen und Legenden für mehrere Generationen im Gepäck. Doch es sieht so aus, als wüsste man dort vielleicht besser als anderswo, dass die Literaturgeschichte der Stoff ist, aus dem gerade die schwerelosen Träume sind. Gregor Dotzauer

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