Kultur : Gartenhaus, später

Stil und Schlichtheit: Ingo Schulze erzählt in „Handy“ neue Geschichten in alter Manier

Jörg Magenau

Geschichten in der Ich-Form verführen leicht dazu, den Erzähler mit dem Autor gleichzusetzen. Ingo Schulze fordert diese Verwechslung geradezu heraus. In seinem Geschichtenband „Handy“, der am Freitag erscheint, tritt immer wieder unverkennbar er selbst als „Ingo Schulze“ auf, der aus seinem Schriftstellerleben berichtet. Das ist die typische Nomadenexistenz des modernen Autors, der immer auf Reisen ist, für den es aber ungewohnt ist, die Fahrkarte selbst zu bezahlen. Schulze erzählt von Erlebnissen in einem estnischen Schriftstellerheim oder wie er bei einer Lesereise in Ägypten auf der Straße wegen seiner langen Haare bewundert und verspottet wurde. Er besucht die Mutter in Dresden und trifft in einer anderen Geschichte eine alte Freundin wieder, eine Schauspielerin aus „A.“. In diesem Ort ist unschwer Schulzes Heimatstadt Altenburg zu erkennen. In St. Petersburg tritt er als Autor der „33 Augenblicke des Glücks“ auf, in New York erwähnt er beiläufig, gerade an dem Roman „Neue Leben“ zu arbeiten. Wie soll man so eine Figur nicht für Ingo Schulze halten?

Doch wer den Roman „Neue Leben“ kennt, ist gewarnt. Auch dort trat ein gewisser „Ingo Schulze“ als Herausgeber auf, und das war kein besonders zuverlässiger oder sympathischer Typ. Jetzt behauptet einer der Ich-Erzähler, es sei „immer verlockend, das Ich in die dritte Person zu versetzen. Diese dritte Person lässt man dann ein wenig schlecht wegkommen, und das Erlebte schreibt sich wie von selbst. Ich werde trotzdem versuchen, von mir zu sprechen und davon, dass das Leben die Tendenz hat, die Literatur nachzuahmen.“ Man kann solche Aussagen als Bruchstücke einer Poetologie begreifen. Doch zugleich sind sie spielerische Inszenierungen und Teil des Verwirrspiels. Schulzes Literatur ist im Gegensatz zu dieser Aussage ganz und gar dem Leben hinterhergeschrieben.

„Geschichten in alter Manier“ nennt er seine Erzählweise im Untertitel. Mit Manierismus hat das nichts zu tun, eher mit einer gediegenen Klassizität und einem Stil, der sich in Schlichtheit tarnt. Wieder lässt Schulze einen seiner Ich-Erzähler Auskunft geben, der ziemlich hölzern über sein eigenes Schreiben reflektiert: „Der Tonfall ist betont unliterarisch gehalten, so als müsste ich selbst das Protokoll liefern, das nie geschrieben worden ist.“ Das ist Schulzes Trick: Er verbirgt sich hinter unscheinbaren Erzählern, die ihm keinerlei stilistische Kapriolen abnötigen. Seine Prosa besticht durch ihre Bescheidenheit. Sie plustert sich niemals auf, drängt sich nicht wortreich in den Vordergrund, sondern besinnt sich aufs Erzählen. Dieser Stil ist dann gelungen, wenn er gar nicht auffällt. So schlicht und alltäglich die Ausgangssituationen, so rasch gelingt es ihm, Spannung aufzubauen. Die Mittel, die er dafür anwendet, sind leicht durchschaubar, funktionieren aber zuverlässig. Es sind Sätze wie dieser: „Es war wirklich die merkwürdigste Feier, die ich je erlebt habe, auch wenn meine Rolle dabei marginal gewesen ist.“ Boris, der Gastgeber, ist zum Zeitpunkt, in dem der Erzähler sich erinnert, schon tot. Das reicht, um das außerordentliche Geschehen dieses Abends, an dem die Gäste wie im „Decamerone“ nacheinander die seltsamsten Geschichten erzählen, mit Spannung zu verfolgen. Wie in einer Novelle läuft es in fast allen Geschichten zuverlässig auf ein außerordentliches Ereignis hinaus. Aber dann behauptet der Ich-Erzähler plötzlich: „Im Alltag gibt es keine Novellen.“ Der Autor Ingo Schulze würde das wohl anders sehen.

Eine der schönsten Geschichten heißt „Keine Literatur oder Epiphanie am Sonntagabend“. Sie handelt von einem mit Freunden vertändelten Gartennachmittag und schließlich von einem unvergesslichen Moment des Glücks. Die kleine Tochter des Erzählers findet Orangenschalen in der Wiese, hebt sie auf und entdeckt darunter Ameisen. Sie fragt hartnäckig: „Dahs ihs, dahs ihs?“ Der Erzähler muss so lange die Dinge benennen, bis er die richtige Betonung gefunden hat, die den Augenblick zu einer Feier der Existenz werden lässt. Orangenschalen! Ameisen! Die Szenerie erinnert an Christa Wolfs Erzählung „Juninachmittag“ aus dem Jahr 1965, die in ihrer subjektiven Orientierung auf das Alltägliche die DDR-Literatur revolutionierte. Schulzes „alte Manier“ knüpft an diese Erzähltradition an.

Epiphanien erzeugt er immer wieder durch die Kraft seiner Beobachtung und die leise Genauigkeit der Sprache. In der Titelgeschichte (auch sie spielt in einem Kleingarten in Prieros südöstlich von Berlin) tauchen nachts jugendliche Randalierer auf, die Gartenzäune und Briefkästen demolieren. Der Ich-Erzähler ist allein im Gartenhaus, seine Frau hat in Berlin zu tun. Er tauscht aber mit einem Nachbarn seine Handynummer aus, um sich gegen die Bedrohung zu wappnen. Doch als er ihn anruft und darüber nachdenkt, via Satellit und Weltall mit ihm verbunden zu sein, erreicht er nur die Mailbox. Er hört eine kühle Frauenstimme und dann „in galaktischer Verlorenheit“ die Stimme des Nachbarn, der seinen Namen nennt: „Er klang nicht nur verloren, sondern als schämte er sich, überhaupt einen Namen zu tragen.“

Schulze kann in einer Szene ein ganzes Leben aufleuchten lassen. Darin beweist er sich als großer Erzähler kleiner Geschichten, der mit den Meistern des Genres, John Cheever und Raymond Carver, mithalten kann. Beiläufig stellt er die großen Fragen nach Zufall und Schicksal und untersucht, wie sich aus kleinen Begebenheiten ein Leben zusammensetzt. So gelassen seine Ich-Erzähler agieren, so sind sie doch meist nur unbeteiligte Zeugen. Oder sie leben ein Leben, für das sie sich niemals entschieden haben.

Dem Buch ist ein Zitat von Friederike Mayröcker vorangestellt: „Dann folgte ein Tag dem anderen, ohne dass die Grundfragen des Lebens gelöst worden wären.“ Sich nicht zu scheuen, diese Fragen zu stellen, gehört wohl auch zu der „alten Manier“, in der Ingo Schulze und seine literarischen Stellvertreter vors Publikum treten.

Ingo Schulze : Handy. Dreizehn Geschichten in alter Manier. Berlin Verlag, Berlin 2007, 280 Seiten, 19,90 Euro

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