Gastkommentar : Es gibt immer eine gemeinsame Sprache

Annäherung durch Wissen: Ein Plädoyer für mehr Wissenschaft in der auswärtigen Kulturpolitik.

Hermann Parzinger

„Wandel durch Annäherung“, das war die Zauberformel, die über viele Jahre zur Maxime der deutschen Ostpolitik während der Teilung Deutschlands und Europas wurde. Ihr lag auch die Erkenntnis zugrunde, dass nur mehr Wissen übereinander zu einem besseren Verhältnis zueinander führen kann. Der Kultur kam schon immer besondere Bedeutung zu, wenn es darum ging, politische Gegensätze und divergierende Interessen nicht zu völliger Sprachlosigkeit werden zu lassen.

Diese Einsicht ist nicht neu. Kaum war der Krieg gegen Frankreich 1871 erfolgreich beendet, erhob Otto von Bismarck das Deutsche Archäologische Institut zur Reichsanstalt und überführte es in den Geschäftsbereich des Auswärtigen Amts, zu dem es noch heute gehört. Für die damalige Zeit bemerkenswert war Bismarcks kulturpolitische Begründung: Die Archäologie sei eine internationale Wissenschaft, die dazu beitrage, das historische Fundament einer gemeinsamen europäischen Kultur zu errichten. Er verstand sehr wohl, dass Frieden in Europa langfristig nicht allein durch kluge Bündnisse und politisches, militärisches und wirtschaftliches Gleichgewicht zu erhalten sein würde, sondern auch ein verändertes Bewusstsein der Menschen erfordere. Er sah aber auch, dass eine so verstandene Kulturpolitik nicht ohne Wissenschaft auskommt. Mit einem „Dialog der Kulturen“ hatten die Politiker des 19. Jahrhunderts noch wenig im Sinn.

Europa hat sein Gesicht grundlegend verändert, Annäherung hat Wandel bewirkt. Georgien war nicht nur das erste Land innerhalb der Sowjetunion, in dem die Menschen ihrer politischen Freiheit willen auf die Straße gingen, Georgien suchte auch in den 1980er Jahren schon Kontakt mit dem Westen, unabhängig von Moskau. Es suchte ihn auf dem Wege wissenschaftlicher Kooperation, und nichts war unverdächtiger als der Bereich kulturwissenschaftlicher Disziplinen. Heute geht es darum, junge Staaten wie Georgien an Europa heranzuführen, und wieder kommt einer wissenschaftsbasierten Kulturpolitik dabei eine entscheidende Rolle zu.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) hat kürzlich zusammen mit dem Georgischen Nationalmuseum in Tbilisi ein Twinning-Projekt der EU gestartet. Diese Projekte dienen der Entwicklung von Partnerschaften zwischen öffentlichen Einrichtungen in EU-Ländern und solchen potenzieller Beitrittsstaaten. Die Zusammenarbeit der Stiftung mit dem Georgischen Nationalmuseum ist das erste derartige Projekt im Kulturbereich, es soll richtungsweisend werden für die künftige strategische Ausrichtung des Twinning-Programms der EU. Bis zu 40 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ihrer Staatlichen Museen zu Berlin, unterstützt durch Fachleute des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung, leisten einen umfassenden Transfer von Know-how in den Bereichen Museumsmanagement, Konservierung und Restaurierung, Bauplanung und Verwaltung. Sie beraten im Zuge von Kurzzeitaufenthalten ihre georgischen Kollegen bei der baulichen und inhaltlichen Weiterentwicklung einer der größten Kultureinrichtungen Osteuropas: Geplant ist die Errichtung einer Museumsstraße im Herzen von Tbilisi, das grand projet des Landes. Geschichte und Kunst spielen eine zentrale Rolle im kulturellen Leben und in der Bildung Georgiens und ihre Förderung wird auch international das Image dieses Landes als eine bedeutende Kulturnation der Region nachhaltig prägen. Auch der deutsche Partner lernt enorm aus solchen Kooperationen.

Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen wie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz können eine Menge zur auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik Deutschlands beitragen. Sie bringen dabei Ansätze mit, die sie aus ihrer täglichen Arbeit entwickeln und ergänzen damit vorzüglich das Engagement der großen deutschen Kulturmittler, vor allem des Goethe-Instituts. Deshalb haben beide Institutionen 2009 einen Kooperationsvertrag geschlossen, der nicht nur eine Abstimmung in strategischen Fragen und die Durchführung gemeinsamer Projekte vorsieht, sondern auch Personalaustausch und gemeinsame Weiterbildungsprogramme einschließt.

Kulturpolitik muss ganzheitlich sein, dazu müssen sich Kunst und Kultur auf der einen und Wissenschaft und Forschung auf der anderen Seite auf möglichst lebendige und vielfältige Weise verschränken. Nicht auf isolierte Events kommt es an, und seien sie noch so spektakulär, sondern auf Nachhaltigkeit. Die im kommenden Jahr im Nationalmuseum in Peking zu eröffnende große Ausstellung zur „Kunst der Aufklärung“, die die Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München derzeit gemeinsam mit ihren chinesischen Partnern vorbereiten, weist in diese Richtung. Sie soll neue Maßstäbe setzen, nicht nur was Dauer und Umfang betrifft, sondern auch im Hinblick auf anspruchsvolle Begleitprogramme.

Es ist hinlänglich bekannt, dass sich China rasant entwickelt und längst auch in kultureller und wissenschaftlicher Hinsicht ein Schwergewicht auf der internationalen Bühne geworden ist. So arbeitet das Museum für Asiatische Kunst in Dahlem seit zwei Jahren gemeinsam mit der Chinesischen Nationalbibliothek und Institutionen aus Xinjiang in einem europaweiten Netzwerk an der multimedialen und interaktiven Erschließung von Materialien und Dokumenten zur Geschichte der Seidenstraße.

Das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz widmet sich zusammen mit dem Ersten Historischen Archiv Peking einem Projekt zu den deutsch-chinesischen Beziehungen 1848-1911 und untersucht interkulturelle Handlungsmuster in Politik, Wirtschaft und Kultur. Die Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz und die Chinesische Nationalbibliothek in Peking haben mit „Cross China“ eine einzigartige Plattform geschaffen, auf der sie ihre Ressourcen auf neuartige Weise bündeln und verfügbar machen. Durch „Cross China“ wird die bei der Berliner Staatsbibliothek entstehende virtuelle Forschungsumgebung zu den Ostasienwissenschaften auch für chinesische Nutzer zugänglich.

Auf ähnliche Weise bündeln Einrichtungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz auch in anderen Weltregionen ihre Anstrengungen. In Lateinamerika setzen Ethnologisches Museum und Ibero-Amerikanisches Institut gemeinsam neue Akzente, wie etwa beim Graduiertenkolleg „ZwischenWelten – EntreMundos“, das aus einer Verbindung mit Universitäten in Berlin, Potsdam und Mexiko entstanden ist. Weitreichende kulturpolitische Arbeit in Ländern wie Nordkorea will nicht recht gelingen, doch das Rathgen-Forschungslabor der SPK beteiligte sich auf Bitten der Unesco an konservierungswissenschaftlichen Untersuchungen von Wandmalereien in einzigartigen Gräbern der Koguryo-Dynastie.

In Iran, eine der großen Kulturnationen des Nahen und Mittleren Ostens, gibt es zwar noch kein Goethe-Institut, aber ein Büro des Deutschen Archäologischen Instituts, das dort seit dem Jahr 2000 wieder forscht, und die Staatsbibliothek zu Berlin mit der größten Sammlung persischer Handschriften außerhalb Irans wird demnächst eine Kooperation mit der Nationalbibliothek in Teheran beginnen, weitere Vorhaben sind in Planung. Über Kultur und Wissenschaft findet sich immer eine gemeinsame Sprache.

Erfolgreiches kulturelles Auslandsengagement erfordert Kompetenz und Verlässlichkeit und eine Wissenschaftsbasierung verleiht solche Eigenschaften. Das war das ganz besondere Gewicht, das unser Land traditionell in seine intellektuelle Beziehung zur Welt einbringen konnte. Es muss deshalb auch heute in der Agenda von Deutschlands public diplomacy ganz oben stehen. Kulturpolitik ist nicht nur Dialog, sondern auch Vertiefung des Wissens über den anderen und seine kulturellen Wurzeln. Nichts verbindet mehr als die gemeinsame Suche danach.

Hermann Parzinger ist Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

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