Gastkommentar : Stadtmitte statt Altstadt

Diskussion über Berlins historisches Zentrum: Eine Replik auf Klaus Hartung von Thomas Flierl.

Thomas Flierl

BerlinDer frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann und die Freunde des Historischen Berlins haben eine neue Offensive gestartet. Nach dem Abriss des Palastes der Republik und der Entscheidung für Franco Stellas Entwurf für das Humboldt-Forum wird nun die „große Leere“ zwischen Spreeinsel und Fernsehturm in den Blick genommen (Tsp. vom 28. 5.). Die Ideen der Stimmann-Fraktion sind in dessen Buch „Berliner Altstadt. Von der DDR-Staatsmitte zur Stadtmitte“ versammelt.

Waren die 1996 vorgestellten Modelle bei der Beschlussfassung für das Planwerk Innenstadt 1999 vom CDU/SPD-Senat auch verworfen worden, werden sie nun auf absurde Weise radikalisiert. Beim Planwerk waren noch Momente eines „dialogischen Städtebaus“ zwischen Vorhandenem und Verlorenem erkennbar, der Entwurf von 2009 ist zur unkritischen Rekonstruktion einer vermeintlich historischen Vorkriegssituation mutiert. Das Bestehende wird dort lediglich als Realisation der „DDR-Hauptstadtplanung“ erkannt, ideologisch denunziert und aufgegeben. Kürzlich beschloss das Abgeordnetenhaus mit breiter rot-rot-grüner Mehrheit, der Senat solle „Grundsätze zur Gestaltung des grüngeprägten öffentlichen Stadtraums“ zwischen Spree und Alex vorlegen – womit er sich klar gegen eine „Renaissance der Altstadt“ wandte. Für Stimmann ist das der Sieg der „ewigen Ossis“. Aber Berlin braucht keinen neuen Kulturkampf.

Die historische Altstadt Berlins war dadurch gekennzeichnet, dass das Rathaus nie am Marktplatz und in Sichtweite der Stadtkirche, der Marienkirche, stand. In der vom Schloss ausgehenden barocken Stadterweiterung nach Westen und Süden geriet die Altstadt in eine fast periphere Lage. Auf dem Weg Berlins zur Metropole im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde der Alex zum Platz des Ostens. Gleichzeitig verstärkte dies die historisch bereits vorhandene Trennung der sozial-kulturellen Welten östlich des Alex und westlich des Schlosses. Die „Altstadt“ verlor ihre integrierende Funktion, ihre Vernachlässigung beginnt bereits Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Monumente der aufstrebenden Kommune Berlin siedelten sich „hinter“ dem Rathaus an: das Stadthaus mit der geplanten Behördenstadt (und der Zentralbibliothek!) sowie das Märkische Museum.

Debatte um Historische Mitte
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1 von 8Foto: Kitty Kleist-Heinrich
29.07.2009 08:29Die Öde dort, wo ehemals die historische Mitte lag, bietet ein weites Feld für Visionen. Bürgerlich? Repräsentativ? Wie soll...


Heute teilt dieser Bereich die Stadt nicht mehr, sondern verbindet, wenn auch noch unzureichend. Zurecht muss man das Verschwinden der historischen Substanz durch Krieg und Nachkriegsabriss bedauern. Mit „Marx-Engels-Forum“ wird das Gelände aber bewusst falsch bezeichnet. Die DDR-Stadtplanung wollte nicht vor allem Marx und Engels verewigen, sie musste notgedrungen den Alex mit der Friedrichstadt verbinden und beseitigte so zugleich ein stadträumliches Defizit.

Obgleich die DDR ein „Zentrales Gebäude“ mit einer Marx-Engels-Ehrung verbinden wollte, ist es ja bemerkenswert, dass auch die DDR die Staats- und Stadtseite der Spree genau zu unterscheiden wusste. Während der Palast der Republik mit Staatsratsgebäude und Außenministerium die Staatsmitte der DDR verkörperte, war der Raum zwischen Spree und Alex der Stadt gewidmet. Das Marx-Engels-Denkmal, das auf der Plattform des ehemaligen Nationaldenkmals geplant war und die gesellschaftliche Mitte hätte abrunden sollen, wanderte nur aus Mangel an Baukapazität für eine PalastTiefgarage auf die andere Spreeseite.

Das so entstandene große städtische Zentrumsband, das durch die Raumkanten von S-Bahnhof, Liebknecht-, Rathausstraße und Humboldt-Forum klar definiert und in drei Bereiche gegliedert ist – den Park an der Spree, das Forum am Rathaus und den Bereich um Marienkirche und Fernsehturm –, dieser Stadtinnenraum bietet Berlin eine große Chance.

Auch aus ökologischen Gründen plädierte das 1999 beschlossene Planwerk Innenstadt als Ausgleich für die AlexHochhäuser und die Bebauung des Friedrichswerder für die Erhaltung dieses grüngeprägten Raums. Noch wichtiger: Er verbindet endlich Marienkirche und Rathaus und weitet den mittelalterlichen Markplatz zum großstädtischen Forum mit grandiosen Bauwerken verschiedener Epochen: Marienkirche, Rathaus, Fernsehturm und demnächst: Humboldt-Forum.

Das ist die Funktion der Mitte: Hier kann sich die Berliner Bürgergesellschaft im Bewusstsein ihrer Geschichte selbst anschauen und erleben, in Freude und Zorn. Hier findet die Selbstermächtigung des Bürgers als Citoyen statt, nicht als Bourgeois oder gar nur als lokaler Parzellen- und Hauseigentümer. Mit einer am mittelalterlichen Stadtgrundriss orientierten Bebauung entfiele dieses Forum für die politische und kulturelle Öffentlichkeit.

Deshalb darf der Bereich zwischen Spree und Alex auf keinen Fall mit der ewig gleichen Mischung aus Wohn- und Geschäftshäusern wie in der Friedrichstadt oder durch Townhouses mit null Urbanität wie am Friedrichswerder bebaut werden. Mit dem Park an der Spree kann das Humboldt-Forum, wie zuvor der Palast der Republik, auch nach Osten ausstrahlen und die Stadt verklammern. Dies intendiert ja auch der Entwurf von Franco Stella. Schloss und Altstadt wandten sich dagegen immer die Rückseiten zu.

Die Staatsmitte im Spreebogen, das Humboldt-Forum auf der Spreeinsel als gesellschaftliche Mitte der Republik und die Stadtmitte zwischen Spree und Fernsehturm: Das ist eine klar definierte Struktur hauptstädtischer Orte. Natürlich muss die Fläche zwischen Spree und Fernsehturm nicht bleiben, wie sie ist. Sie wurde vernachlässigt und weist strukturelle Defizite auf. Vorstellbar ist die Reduzierung des Verkehrs und die Verschmälerung der Spandauer Straße. Die Querung der Liebknechtstraße war früher einfacher, sie sollte in der Spur der Rosen- bzw. Jüdenstraße und der Klosterstraße erleichtert werden. Mit dem Rückbau der Grunerstraße wird endlich das Klosterviertel angeschlossen.

Der Stadtinnenraum sollte durch weitere öffentliche Nutzung wie Gastronomie und Kultur belebt werden. Besondere Aufmerksamkeit benötigt der Bereich um die Marienkirche, vor allem die Höhenprofilierung. Die Kirche sollte aber (wie die Matthäikirche) als Solitär im Forum erlebbar bleiben. In erster Linie geht es also um ein zeitgemäßes Freiraumkonzept. Dies hatte bereits die Internationale Expertenkommission „Historische Mitte“ empfohlen: Die Freifläche des Marx-Engels-Forums solle bei Beibehaltung des Denkmals als Grünfläche erhalten, umgestaltet und qualitativ aufgewertet werden. Der Stadtgrundgriss könne durch Markierungen sichtbar gemacht werden. Auch eine verkleinerte, weniger raumgreifende Aufstellung der Denkmalanlage ist heute denkbar. Die mit den Urhebern abgestimmte temporäre Aufstellung während des U-Bahn-Baus könnte eine Variante sein.

Hans Stimmann argumentiert unaufrichtig; der Ideologe hat den Architekten offenbar verdrängt: Eine „Renaissance der Altstadt“ unterm Fernsehturm ist ästhetisch einfach absurd. Logisch wäre es, dann auch den Abriss des Fernsehturms zu fordern. Kommt noch.

Thomas Flierl ist Vorsitzender des Ausschusses für Stadtentwicklung und Verkehr im Berliner Abgeordnetenhaus und war von 2002 - 2006 Kultursenator.

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