Kultur : Gastspiel des Bunraku-Theaters

Rudolph Ganz

Lebensecht zu wirken in äußerster Verfremdung, das macht den Reiz der japanischen Bunraku-Puppen aus. Sie sind bis zu 1,50 Meter groß, haben merkwürdig kleine Köpfe und sind prächtig eingekleidet. Sie treten auf einer richtigen, großen Bühne auf und werden weder mit Stäben, noch mit Fäden manipuliert, sondern von Spielern, die dicht hinter ihnen stehen und mit ihren Händen arbeiten, schwarz verhüllt bis über den Scheitel, so dass sie gewissermaßen unsichtbar bleiben. Während Nebenfiguren von einem Spieler bedient werden, benötigen die Hauptfiguren drei: der erste, der Hauptspieler, bewegt Kopf und rechte Hand der Puppe.

Bunraku ist aber nicht nur Puppenspiel, sondern zugleich, als jôruri, eine hochentwickelte literarische Form dramatischer, musikalisch gestalterter Erzählung, und die großen Rezitatoren werden vom japanischen Publikum fast noch mehr verehrt als die Puppenspieler. Der Rezitator und ein Lautenspieler, der die dreisaitige, mit Katzenfell bespannte Langhalslaute shamisen schlägt, nehmen auf einem Podest am rechten Bühnenrand Platz, zeremoniell eingeführt zu Anfang jeder Szene. Der Text ist eine Mischung aus Erzählung, Dialogen und Lyrik. Je rauher und damit ausdrucksstärker die Stimme des Rezitators ist, desto besser für die dramatische Gestaltung, die aber nie in eine Nachahmung der Natur und der Figuren ausarten darf, sondern bei aller Heftigkeit immer distanziert bleiben muss. Die Anstrengung ist so groß, dass für jede Szene ein anderer Rezitator auftritt.

"Liebestod in Sonezaki", ein bürgerliches Drama in drei Bildern, ist die Geschichte eines gutmütigen jungen Mannes, Tokubei, der brutal um sein Vermögen und damit um seine unstandesgemäße Braut, die Kurtisane Ohatsu, gebracht wird. Gemeinsamer Selbstmord ist für die beiden die einzige Lösung des Konflikts. Lebensechtheit in der Verfremdung, dazu gehört die Fähigkeit der Puppen, nicht nur Kopf, Hände und Füße zu bewegen, sondern auch die Augen und manchmal sogar den Mund, was freilich nur in den ersten Reihen zu erkennen ist. Dazu gehört die Darstellung kleiner Alltagsaktionen und Zwischenfälle, das Ausblasen einer hoch hängenden Laterne durch eine Magd beispielsweise, oder der ungeschickte Sturz Ohatsus vor der verschwiegenen nächtlichen Flucht aus dem Teehaus, die zu eben dem Aufsehen führt, das gerade vermieden werden sollte. Dazu gehören zarte Gesten wie das Wegwischen einer Träne mit dem Taschentuch.

Und dazu gehören wunderschön gemalte Bühnenbilder mit geradezu atmenden Landschaften. Zum letzten Gang der beiden Liebenden werden hinter ihnen Prospekte vorbeigeschoben, ein uraltes Verfahren, wirkungsvoller als alle moderne Technik. Dumpfes Trommeln und Gongschläge hinter der Bühne im wildbewegten Finale, zum Doppelselbstmord unter blinkenden Sternen.

Es ist eine Aufführung von höchstem ästhetischem Reiz, die einen in ihrer Balance von Lebensnähe und vollendeter Kunst sogar emotional berührt. Ein Wunder.Schiller Theater, bis 3. Oktober, jeweils 20 Uhr, am 2. Oktober auch 16 Uhr.

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