Kultur : Gastspiel eines Fauns

Berliner Bildwechsel: die Picassos der Sammlung Berggruen jetzt in der Nationalgalerie

Christina Tilmann

Manchmal bringt ein Umzug die altvertrauten Möbel erst richtig zur Geltung: Plötzlich erscheint das gute Stück besonders groß oder klein, besonders passend oder im Gegenteil monumental und unharmonisch. Die rund 80 Picasso-Werke, Herzstück der Berliner Sammlung Berggruen, haben nun die Chance, sich auch in neuen Räumen zu bewähren: Weil die heute Abend eröffnende Ausstellung mit Matisse-Scherenschnitten den Stüler-Bau am Charlottenburger Schloss komplett füllt, wurde die ständige Sammlung kurzerhand in die Nationalgalerie verlagert.

Erste Zweifel einmal beiseite gelegt, ob die monumentalen, farbenfrohen Matisse-Arbeiten, die schon in der Frankfurter Schirn sensationelle 138000 Besucher anzogen, nicht in den luftigen Hallen des Mies-Baus besser aufgehoben wären als in den intimen Kabinetten des Stüler-Baus, bekommt auch den Picasso-Werken die klassische museale Präsentation im Kontext der ständigen Sammlung nicht schlecht: Plötzlich wird (im zentralen Raum) aus der Vielzahl von Picassos Frauenbildnissen eine eindrucksvolle, konsequent ins Kubistische fortschreitende Reihe: Dora Maar, die auf dem ersten Porträt 1936 zwar mit grünen Fingernägeln und seitwärts verdrehtem Auge, sonst aber in klassisch-freundlicher Blässe erscheint, verwandelt sich bis 1940 zum spitzzahnigen, hysterischen Dämon. Zwischendrin erscheint sie im berühmten, korsettartigen gelben Strickpullover oder schließlich, ein Fest der Farben, als furiose Frau mit Hut. Picassos Frauen, die unlängst in Chemnitz enzyklopädisch gefeiert wurden, haben auch bei Berggruen in Berlin einen monumentalen Auftritt.

Dass Heinz Berggruens legendäre Sammlung, seit 1996 Berlins beliebtestes und schönstes Privatmuseum und Ende 2000 mit Bundesmitteln für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz erworben, eigentlich Teil der Nationalgalerie ist, hier wird es offensichtlich. Nicht nur, weil Berggruens kluge, lebenslange Sammlungspolitik eine Lücke füllt, die trotz der fleißig stiftenden Freunde der Nationalgalerie in Berlin nach wie vor schmerzlich klafft – nur wenige eigene Picasso-Werke vermögen die Staatlichen Museen dem Berggruen-Reichtum entgegenzusetzen. Auch die häufig angemahnte konzentrierte Präsentation der in Berlin über mehrere Standorte verteilten Klassischen Moderne wird einmal beispielhaft vorgeführt. Und wirklich wirkt ein einzelner Bonnard, ein Gris oder Braque im Kontext des Picasso-Universums weniger zufällig, ja folgerichtig, wandert der Blick von Picassos Spätwerk nahtlos weiter zu den explosiven Bildern eines Karel Appel, Antonio Saura oder Antoni Tapies. Auch Picassos Gegenpol Matisse (ebenfalls zum Großteil aus der Sammlung Berggruen) kommt im Zusammenspiel gut zur Geltung: Plötzlich ergänzen sich die heiteren Interieurs aus Etretat, Nizza oder Saint-Raphael, die sowohl Picasso als auch Matisse in den 20er Jahren malten. Plötzlich scheint auch der sichere Strich, die harmonische Frauenfigur auf vielen Zeichnungen wesensverwandt. Besser als der aufwendigen Thesen-Ausstellung „Matisse Picasso“ in London und Paris gelingt diesen wenigen Werken der Beweis einer schöpferischen Nähe.

Und doch: Schnell wünscht man sich den erlesenen Rahmen des Stülerbaus zurück. Was dort in den kleinen Kabinetten wie Juwelen funkelte, in der streng chronologischen, egalisierenden Hängung der Nationalgalerie verliert es an Glanz. Haupt- und Nebenwerke, Großformate, Zeichnungen, Vorstudien hängen wahllos nebeneinander und stehlen sich die Schau. Der sensible „Kopf eines Jünglings“ von 1906, der exotisch-bunte „Kopf eines Fauns“ von 1937 – ihnen fehlt in der Enge der Nationalgalerie die Luft zum Atmen. Wäre er nicht schon zu Tode zitiert, man müsste noch einmal den Hausherrn bemühen: Weniger Raum ist manchmal mehr.

Picasso aus der Sammlung Berggruen zu Gast in der Neuen Nationalgalerie, bis 25. 5.

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