Gayle Tufts und die Wechseljahre : Heiß ums Herz

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Kulturhaltestelle. Die Medienkünstler von Kombinat lieben Kontraste. Foto: Kombinat
Kulturhaltestelle. Die Medienkünstler von Kombinat lieben Kontraste. Foto: Kombinat

KABARETT

Verwechseljahre: Gayle Tufts

in der Bar jeder Vernunft

Ihre Vorbilderin ist Michelle Obama. Diese Frau ist einfach der Hamma: „I wanna have her Oberarma.“ Da schlabbert kein welkes Winkfleisch, da ist noch alles unverschämt straff. Dabei ist sie doch fast so alt wie Gayle Tufts! Wenn die 51-jährige Entertainerin in der „Bar jeder Vernunft“ ihr Loblied auf die First Lady singt, sitzt ein Pianist am Flügel, der ihr Sohn sein könnte. Bei diesem Geselligkeitsabend zum Thema Menopause ist Marian Lux ihr toy boy, ein drahtiger Stürmer und Dränger auf den Tasten, rockig, energiesprühend. Und ein wandlungsfähiger Komponist, der die Denglisch-Verse der Entertainerin in authentisch amerikanischen Songwritersound hüllen kann, aber auch die Chuzpe hat, für eine expressionistische Moritat auf die „Eierstockarbeiterinnen“ die DDR-Hymne als Refrain zu verwursten (bis 6. Mai immer dienstags bis sonntags).

Die vielen Lieder der Show kreisen – natürlich – um hotflashs, um Hitzewallungen. Vielleicht sogar ein wenig zu sehr, so wie Frauen in den Wechseljahren um sich selber. Männer kommen dagegen überhaupt nicht vor. Was sich Kerle in ihrer geistigen Menopause – verharmlosend Midlife-Crisis genannt – für Peinlichkeiten leisten, übersieht Gayle Tufts souverän. Stattdessen liest sie lieber sentimental-sarkastische Passagen aus „Some like it Heiß“, ihrem neuen Buch, das ganz zufällig denselben Titel trägt wie ihr Solo-Programm. Und sie hat ein paar steile Drehbuchideen. Für ein deutsch-deutsches Wendedrama beispielsweise: Meryl Streep als Angela Merkel in „Die Wechseljahre“. Oder für einen Quentin-Tarantino-Western mit Uma Thurman: „Die letzte Regelblutung“, englischer Verleihtitel: „Inglorious Bleeders“.

Die deutsche Hauptstadt übrigens hat Gayle Tufts schon immer an ein Östrogenopfer erinnert. Ein wildes Weib mit wüster Vergangenheit, das etwas überempfindlich reagiert: „Guten Morgen, Berlin ...“ – „Schnauze!“ Frederik Hanssen

LIEDERMACHER

Seelenankäufer: Funny van Dannen im Astra Kulturhaus

Willkommen zu Hause, willkommen bei Funny van Dannen. Das Astra ist ausverkauft, wenn der Mann mit Gitarre seine Lieder singt, eins nach dem anderen aus dem unerschöpflichen Repertoire. Lieder, sonst nichts, kein Schnickschnack, nur ein bisschen buntes Bühnenlicht und manchmal eine Mundharmonika. Der Saal ist voller Fans, der Mann da vorn ist ihr Star – und eben das ist das Besondere. Denn dieser Funny van Dannen, der sich selbst einen „widerwilligen Prominenten“ nennt, wirkt so bodenständig wie schon immer. Bäuchlein, wirrer Haarkranz, Koteletten, ein gut gelaunter Klampfenbär, Jahrgang 1958, seit 1978 in Berlin, verheiratet, vier Kinder. Ein ganz normaler Typ, einer wie wir: Melancholiker, Selbstironiker, Alltagsgeschichtenerzähler.

FVD singt über Einkaufszentren und Homebanking, über „Herzscheiße“ und Gott (die Abkürzung für „Goldfischkompott“). Er singt aufrichtig und albern, laut und deutlich und rumpelig charmant, zwei Stunden bis zur ersten Zugabe. Zwischendurch: Schlucke aus der Weißweinflasche. Mehr als ein Dutzend Alben hat Funny van Dannen aufgenommen, das neueste heißt „Fischsuppe“, frisch erschienen auf dem Toten-Hosen-Label JKP. Zu sagen, dass alle Lieder des Meisters gleich klängen, täte ihm unrecht. Sie sind mal schneller und mal langsamer, mal bescheuert-witzig und mal poetisch-witzig, stets jedoch so routiniert wie leidenschaftlich dahergeschrummt. Es sind viele Perlen darunter, Gassenhauer und Seelenschmeichler. Mehr braucht es gar nicht. Beziehungsweise doch: Am 13. Oktober wird FVD ein Zusatzkonzert im Astra geben. Jan Oberländer

VIDEOKUNST

Brandenburg ist anders:

Kombinat im Radialsystem

In preußischen Gewändern schreiten sie durch die Havel und schauen sich tief in die Augen. Hinter den Damen und Herren des Paretzer Liebhabertheaters dümpelt ein Taucher im Wasser, Ausflugsschiffe scheinen Pirouetten zu vollführen. Unterbrochen wird die Idylle von einem vorbeiziehenden Frachter. Am Ende halten Taucher und Tänzer ein Nickerchen auf einer Bank im Fluss. Die absurde Szene ist Teil der 30-minütigen Filminstallation „Choreografische Bilder im Feld“ von Paula E. Paul und Sirko Knüpfer im Radialsystem. Dort werden auf zwei Leinwandpaaren vier unterschiedliche Filmsequenzen parallel gezeigt. Ihre Darsteller scheinen zu interagieren (Holzmarktstr. 33, bis 14.4. jeweils ab 12 Uhr).

Choreografin Paul und der Medienkünstler Knüpfer, die sich Kombinat nennen, haben die sechs Inszenierungen für „Bilder im Feld“ im Sommer 2011 an Schauplätzen in Brandenburg realisiert, wo sie ganz unterschiedliche Menschengruppen zusammenbrachten. Es ist ein Spiel mit Kontrasten. Taucher treffen auf Kostümfans, Rocker begegnen Gesangsliebhabern. Die Bilder sind oft ironisch und Teil eines weiteren Spiels, dem mit den Klischees: Protagonisten wie Landschaft fügen sich auf den ersten Blick in die bestehenden Vorstellungen von Brandenburg ein, etwa wenn Jugendliche sich in einem heruntergekommen Häuschen namens „Wambo’s Eck“ treffen. Indem die Inszenierungen aber an genau diese „toten“ Orte verlagert werden, wird dem kulturellen Brachland neues Leben eingehaucht. Eine Bushaltestelle oder ein Aussichtsturm werden zu Kulturorten. Das Unspektakuläre zu etwas Besonderem zu machen ist Ziel der Inszenierung. So sind banale Tätigkeiten wie warten und schlafen Teil der filmischen Handlung. Sina Schroeder

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