Kultur : Gebaute Macht

Deyan Sudjic bei den Berliner Lektionen

Jens Müller

Öffentliche Kommunikation – darum ging es gestern im Berliner Renaissance-Theater. Deyan Sudjic tritt auf mit seiner steilen These von der Architektur als der machtvollsten Form der Massenkommunikation. Das Kommunikationsmittel, dessen er sich zur Verbreitung seiner Ansicht bedient, ist die Rede. Sie ist eine sehr alte Kunst, die zu bewahren seit nun schon zwanzig Jahren das Anliegen der „Berliner Lektionen“ ist. Da war die Zeit mal wieder reif für ein „Best of“. Ein gerade erschienener Band versammelt Reden von Madeleine Albright, Harry Belafonte und Imre Kertész bis István Szabó aus den vergangenen sieben Jahren. Vorangestellt ist ein Essay von Tagesspiegel-Autor Harald Martenstein über das unverwüstliche Ritual der Rede.

Deyan Sudjic war bereits Direktor einer Architektur Biennale in Venedig (2002) und ist der derzeit meinungsstärkste britische Architekturkritiker. Sein jüngstes Buch hat den „Architekturkomplex“ zum Gegenstand – und darüber hält er auch seine Rede. Er spricht von den Mächtigen, Autokraten wie Demokraten, und von den großen Architekten, die sich mit ihnen gemein machen: früher Albert Speer, heute Rem Koolhaas in China. Er genießt die Provokation, etwa, wenn er berichtet, wie in der baskischen Stadt Bilbao ein immens teures Gebäude zum gewinnbringenden Tourismusmagneten wurde – um anschließend die Behauptung in den Raum zu stellen, der eigentliche Urheber des Bilbao-Effektes sei schon Adolf Hitler gewesen. Er präsentiert sich als Rhetoriker voller Süffisanz und Ironie, very british. Dabei fällt es kaum auf, dass er alle aus dem Publikum an ihn gestellten Fragen letztlich unbeantwortet lässt, so eloquent ist er. Und ein bisschen glatt. Jens Müller

„Berliner Lektionen 2000 - 2007. Eine politisch-kulturelle Chronik der Gegenwart.“ Hrsg. Manfred Lahnstein, Joachim Sartorius. Transit Verlag 2007, 16,80 Euro.

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