Kultur : Gebrechlicher Krautrock

31 Jahre Bandgeschichte: Faust in der Berliner Volksbühne

Volker Lüke

Rockmusik made in Germany – eine Sache, die einen auf so angenehme Art kalt lassen kann. Aber dann kann man nichts anderes tun, als zum Konzert jener Band zu gehen, deren Name allein auf einen Klassiker deutscher Wertarbeit verweist: Faust – das Buch mit sieben Siegeln, rätselhaft und umstritten, aber eine der wenigen deutschen Bands, die von sich behaupten kann, Einfluss auf die Rockgeschichte ausgeübt zu haben (über ihre Errungenschaften, Projekte oder Geschichten zum Thema „Wie sie an der Kulturindustrie scheiterten“ oder „Warum sie kaum jemand verstand“ wären ganze Bücher zu füllen).

Für ihr aktuelles Album „Patchwork“ haben sie auf äußerst gelungene Weise Aufnahmen aus 31 Jahren Bandgeschichte zusammenbosselt, und nun stehen sie wieder auf den Brettern der Volksbühne, die letzten beiden von Ur-Faust: Hans-Joachim Irmler mit seiner Selbstbau-Elektronik und der Schlagwerkhüne Werner Diermeier, der ruhelos über die Bretter schreitet, mit Eisen scheppert und auf alles trommelt, was ihm in den Weg kommt, während einer seiner Schüler, von allen musikalischen Konventionen befreit, rostigen Altschrott zum Klingen bringt. Dazu ein Gitarrist, der so aussieht, als wäre er mit seinem Bart in den Schallwellen von Zappa hängengeblieben, ein weiterer Rauschebart, dessen Funktion im Unklaren beibt, sowie ein unscheinbarer Bassist, der der einzig Vernünftige in diesem Klongomerat zu sein scheint.

Gemeinsam tauchen sie ab in die zerklüftete Welt des gebrechlichen Krautrocks, bewegen sich durch dessen Trümmerschatten, mit abgehackten Kollisionen, die für Vollbeschäftigung im Oberstübchen sorgen. Einer zerrissenen, rhythmisch betonten Synthese von elektronischen Verzerrungen und einer verstiegenen Freak-Out-Gitarre zu hypnotischem Gruftgetrommel und zirkulierenden Bassriffs, die zusammenhalten, was entfliehen könnte. Und doch waren Faust schon weiter: die Unmittelbarkeit früherer Konzerte ist stellenweise einer Verwirrung, vielleicht auch Berechnung gewichen, wie die Musik zu klingen hat, die das Publikum hören will. Erst zum Ende erreicht das rohe Sound-Beben mit einer unerbittlichen Zugabe den Höhepunkt, als sie mit einem Vorschlaghammer auf eine Stahlplatte eindreschen, als gäbe es kein Morgen. Hoppla. Vier Stunden noch, dann steigt Witali Klitschko, genannt Dr. Eisenfaust, gegen Lennox Lewis in den Ring. Auch er lebt von der Faszination des Unvorhersehbarem.

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