Geburtstag : Boss der Freaks

Der große Funk-Visionär George Clinton wird 70 Jahre alt

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Ein Außerirdischer rast in einem silbernen Ufo durch die Galaxis. Sein Raumanzug ist ein sexy Fetzen, zu dem er kniehohe Plateaustiefel und lange rote Handschuhe trägt. Mit weit gespreizten Beinen sitzt er lauthals lachend an der Ladeluke, denn gleich beginnt seine Mission auf der Erde: den P-Funk unters Volk bringen.

Das Alien auf dem Cover des legendären Parliament-Albums „Mothership Connection“ heißt George Clinton. Es zeigt den Sänger, Visionär und Dompteur einer rund 50-köpfigen Musikerclique 1976 auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Mit Songs wie „P-Funk (Wants To Get Funked Up)“ und „Give Up The Funk (Tear The Roof Of Sucker)“ bewies die Band noch einmal ihre Marktführerschaft in Sachen pure funk, dem monsterhaft groovenden Konglomerat aus spacigen Synthesizern, psychedelischen Gitarren und einpeitschenden Gesängen. Clinton wurde so zum wichtigsten Wegbereiter des US-Funk neben James Brown und Sly Stone.

Gegründet 1955 in Plainfield, New Jersey, als Doo-Wop-inspiriertes Gesangsquintett, machen Parliament erstmals 1967 mit der Single „(I Wanna) Testify“ von sich reden. Sie sind mittlerweile nach Detroit umgezogen, wo Clinton für Motown arbeitet. Nach der Pleite ihrer Plattenfirma und Streitigkeiten um den Bandnamen gründet er mit den gleichen Musikern Funkadelic und schlägt eine deutlich experimentellere Richtung ein. Die Gruppe infiziert den Soul mit Hendrix-Gitarren und hippiesken Elementen. Als ihr Meisterwerk gilt „Maggot Brain“ (1970), in dessen zehnminütigem Titelstück Gitarrist Eddie Hazel ein irres Solo abliefert. Clinton soll ihn dazu mit den Worten „Spiel, als sei deine Mama gerade gestorben“ angetrieben haben.

Die kreativen Energien seiner Musiker freizusetzen, ist eines der größten Talente von George Clinton, der in Kannapolis, North Carolina, als ältestes von neun Kindern zur Welt kam. Er hält eine stetig anwachsende Schar von Musikern zusammen, die zwischen Funkadelic, den wiederbelebten Parliament sowie weiteren Projekten hin- und herwechseln. Zwei zentrale Mitstreiter sind dabei der klassisch ausgebildete Keyboarder Bernie Worrell und der 1972 von James Brown abgeworbene Bassist Bootsy Collins.

Angetrieben wird das Funk-Mutterschiff von großen Mengen LSD und Kokain. Die Konzerte ufern zu vierstündigen Megashows mit unglaublich kostspieligen Kostümen und Requisiten aus. Das Imperium des Mister Funkenstein ist Ende der Siebziger riesig, doch auch das Chaos wächst. Bandmitglieder warten auf Bezahlung, der Steuerschuldenberg ist immens, es gibt Streit um Songrechte und Prozesse mit Plattenfirmen.

Vor dem Ruin bewahren George Clinton letztlich die Rapper: Dr. Dre, De La Soul, Ice Cube, Run DMC und viele andere sampeln Parliament- und Funkadelic-Songs – und bringen Tantiemen auf sein Konto. Seit 1982 ist Clinton als Solo- Künstler und Chef der P-Funk All Stars unterwegs. Er bringt weiter Platten heraus, und er trägt immer noch schrill-bunte Frisuren. Am 22.7. wird der Mann vom Planeten P. 70 Jahre alt. Mache Quellen behaupten auch er sei erst 69 - kosmisch gesehen ist das natürlich Haarspalterei... Nadine Lange

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