Geburtstag : Das Katzenauge

Der Schauspielerin Vera Tschechowa zum 70.

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In der Prüderie der Adenauer-Ära ist mit einem Etablissement wie der „Rio Rita Bar“ bereits der Gipfel der Unmoral erreicht. Die Bardamen tragen tief dekolletierte Abendkleider, „Modell Fremdenführer – zeigt alles“. Betrunkene verlangen Cognac. Jazzmusiker spielen Foxtrott. Durch Nikotinschwaden tänzelt eine blonde Sängerin die Showtreppe hinunter und singt: „Bei Rio Rita um Mitternacht, da hat mancher zu früh gelacht / Da tanzt das Mädchen mit den Katzenaugen, drum nimm dein Herz in Acht heut’ Nacht.“ Und dann kommt sie, die rätselhafte Katzenfrau, und tanzt in ihrem paillettenbesetzten Gymnastikanzug psychedelisch irre Jazzdancefiguren. Die Männer liegen ihr zu Füßen. „Fünfzig Mark pro Abend“, schimpft Barchefin Rita über die Gage ihres Stars, „dafür krieg’ ich ja die Greco“.

Im Reeperbahn-Krimi „Das Mädchen mit den Katzenaugen“, von Eugen York im harten Schwarzweiß amerikanischer Film noirs inszeniert, spielte Vera Tschechowa 1958 ihre erste Kinohauptrolle. „Ich glaube, ich möchte einmal berühmt werden und ganz viel Erfolg haben“, sagt sie in einer Szene, in der sie mit Joachim Fuchsberger eine Bratwurst isst. Vor Ruhm konnte sich die damals 18-Jährige, die 1957 in der Heinz-Erhardt-Klamotte „Witwer mit fünf Töchtern“ ihr Filmdebüt gegeben hatte, bald kaum noch retten.

Mit ihrer schneeweißen Haut und der ebenholzschwarzen Pferdeschwanzfrisur brachte sie einen Schuss Exotik ins deutsche Wirtschaftswunderkino. Elvis Presley, als G.I. in Hessen stationiert, flirtete mit Tschechowa, besuchte sie 1959 in München und mietete für seine Entourage kurzerhand einen Abend lang das komplette Theater, in dem sie im Boulevardstück „Der Verführer“ auftrat.

Vera Tschechowa, 1940 in Berlin geboren, entstammt einer russisch-deutschen Schauspielerdynastie. Ihre Mutter war die Schauspielagentin Ada, ihre Großmutter der Ufa-Star Olga Tschechowa und ihr Urgroßonkel der Dramatiker Anton Tschechow. Von „Papa’s Kino“ sagte sie sich 1962 mit der Böll-Verfilmung „Das Brot der frühen Jahre“ los, für den sie mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet wurde. Und statt für Elvis entschied sie sich für Vadim Glowna, den sie im Hamburger Schauspielhaus kennengelernt hatte. Mit dem Schauspieler und Regisseur, mit dem sie seit 1967 mehr als zwanzig Jahre verheiratet war, bildete sie in den Zeiten des Neuen Deutschen Films ein erfolgreiches Gespann. Sie gründeten eine Produktionsfirma, und Glownas Regiedebüt „Desperado City“ wurde 1981 in Cannes mit einer Caméra d’Or prämiert.

Nach 80 Film- und Fernsehrollen konzentriert sich Vera Tschechowa inzwischen auf die Arbeit hinter der Kamera und dreht Porträts über Prominente wie Václav Havel, Klaus-Maria Brandauer oder Michael Ballhaus. Heute wird das Katzenmädchen, kaum zu glauben, 70 Jahre alt. Christian Schröder

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