Geburtstag : Im roten Salon

Wo schon Bode Bilder kaufte: Die Londoner Kunsthandlung Colnaghi feiert 250. Geburtstag

Claudia Herstatt

Lange bevor der Stern über der ältesten Kunsthandlung der Welt aufging, wurden schon Raketen in den Himmel geschossen. Der Begründer von Colnaghi illuminierte mit seinen pyrotechnischen Inszenierungen nicht nur die Hochzeit von Marie Antoinette und dem Dauphin im Jahr 1770 in Paris. Auch für den 44. Geburtstag des englischen Königs George III. verschoss er 1772 über den Londoner Parks reichlich Pulver und verzauberte die Royals und das Volk. Aber der „Firework-Macaroni“, wie der gebürtige Italiener Giovanni Batista Torre in einer Karikatur bewitzelt wurde, hatte noch anderes im Sinn. 1760 bereits hatte er in Paris sein „Cabinet de Physique Expérimentale“ gegründet, in dem auch Bücher und Druckgrafiken verkauft wurden, sieben Jahre später kam eine Filiale in London dazu.

In den ersten 150 Jahren ihrer Existenz verlegte die Firma Colnaghi hauptsächlich Stiche und Mappenwerke. Dazu gehörte unter anderem die von Colnaghi in Auftrag gegebene Folge von Lithografien von William Simpsons aus dem Krimkrieg. Zum Renner avancierte das Porträt von Lord Nelson nach einem schmeichelhaften Gemälde des englischen Hofmalers John Hoppner, das genau zum Zeitpunkt der gewonnenen Schlacht von Trafalgar auf den Markt kam.

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts begann die Kunsthandlung Colnaghi sich mehr und mehr auf Gemälde alter Meister zu konzentrieren. Welche Preziosen durch ihre Vermittlung in die Frick Collection in New York, an amerikanische Sammler und damit später in Museen und nicht zuletzt an die Staatlichen Museen zu Berlin gingen, lässt sich im Jubiläumskatalog nachvollziehen. Wilhelm von Bode, der 1904 das Kaiser-FriedrichMuseum auf der Museumsinsel gegründet hatte, vertraute beim Aufbau der Sammlung dem Rat des damaligen Senior-Partners der Firma, William McKay. Der erste Ankauf erwies sich nach dem Tod von Bode allerdings als falsche Zuschreibung. Zu seiner Zeit war der Erwerb von Rembrandts „Mann mit dem Goldhelm“ eine Sensation.

Werke von Dürer, Holbein, Rubens und vor allem Vermeer folgten. Nun war es nicht so, dass Colnaghi die gewünschten Werke zum Wiederaufbau der Berliner Sammlung auf Lager hatte. Um den Wünschen Bodes nachzukommen, recherchierte und verhandelte McKay diskret und geschickt. So vor allem bei dem Vermeer-Gemälde „Ein Glas Wein“. 1894 fand Bode heraus, dass die Sammlung von Lord Pelham Clinton-Hope verkauft werden sollte. Lord Hope war pleite. Bode war nicht der einzige Interessent, aber er bot die hohe Summe von 155 000 Pfund. Der Deal lief dann anders. Zu welchem Preis das Konsortium der Kunsthändler Colnaghi und Wertheimer die Sammlung en bloc erwarben, ist nicht bekannt. 1899 erwarb Bode aus dem Konvolut Rubens’ „Landschaft mit Turm“ und „Landschaft mit Schiffswrack“ sowie Adrian van de Veldes „Die Farm“. Im gleichen Jahr ergatterte er auch den Vermeer. Heute gehört das Gemälde mit dem Wein trinkenden Mädchen zu den Favoriten der Besucher der Gemäldegalerie.

Bode war damals schon so bekannt, dass er Auktionen mied, um die Preise nicht in die Höhe zu treiben. 1897 hatte er ein Auge auf ein Werk aus der Sammlung des englischen Malers und Mitbegründers der Präraffaeliten, Everett Millais geworfen. Es handelte sich um das „Porträt eines Mannes, möglicherweise Anton der Gute von Lothringen“ von Hans Holbein dem Jüngeren. Drei Jahre musste Bode warten, bis das Gemälde zur Auktion anstand. Zur Begutachtung des Bildes schickte er den in Kunstkreisen noch unbekannten Max Friedländer. Colnaghi ersteigerte das Porträt im Auftrag Bodes für 3325 Pfund. Wenig später gab die Kunsthandlung es für 67 524 Mark an die Gemäldegalerie weiter.

Erster Weltkrieg, Finanzkrise, Zweiter Weltkrieg erschwerten die inzwischen international ausgeweiteten Geschäfte der Kunsthandlung. 1911 hatte Colnaghi neue Räume in der Londoner Bond Street bezogen, und weiterhin gingen Gemälde von Bellini und Tizian in die USA, die heute in der Frick Collection zu bewundern sind. Im Jahr 1930 war Colnaghi an einem ungeheuren Kunst-Devisen-Transfer beteiligt. Die Sowjetunion bot Kunstwerke von Botticelli, Raffael, Van Eyck und Rubens aus der Eremitage gegen harte Währung an. Colnaghi und die amerikanische Galerie Knoedler koordinierten, die National Gallery in Washington, das Rijksmuseum Amsterdam und die National Gallery Melbourne griffen zu. Auch an dem Verkauf der immensen Grafiksammlung des Fürsten von Liechtenstein war Colnaghi beteiligt. 1954 konnte Colnaghi 16 Dürer-Zeichnungen aus dem Besitz des Prinzen Georges Lubominski erwerben. Zur gleichen Zeit war das Kunsthaus beauftragt, die Princes Gate Collection zu beraten. Die Sammlung, die heute im Courtauld Institute hängt, gehört zu den bedeutendsten Englands.

2002 übernahm der Münchner Kunsthändler Konrad Bernheimer, Chairman der bedeutendsten Kunst- und Antiquitätenmesse, der Tefaf in Maastricht, die alteingesessene Kunsthandlung. Schnell gewann er Katrin Bellinger zur Partnerin, die seit 1985 mit Meisterzeichnungen in München und London handelt. Mit Verve und Stolz haben sich beide der Fortsetzung der Colnaghi-Tradition angenommen. Das beweist die regelmäßig auf der Tefaf original nachgebaute und rot ausgeschlagene Galerie des Stammhauses in der Londoner Bond Street. Gerade lief dort die Ausstellung „Colnaghi – 250 Years of Dealing in Art“. Die Schau wird vom 20. Oktober bis 12. November in die Galerieräume von Bernheimer Old Masters nach München übernommen. Fehlt nur noch das Feuerwerk.

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